Willi Sitte - "ein streitbarer und umstrittener Künstler

Erschienen in Ausgabe: 9/1999

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Seine Werke heißen "Vor dem Bett", "Andalusische Nächte, "Im Wasser", "Eifersucht" oder "Huckepack im Weinberg". Die Figur steht im Mittelpunkt, nackte Menschen, Männer und Frauen beim Liebesspiel. In Öl gemalt herrschen Blautöne und in ocker und zartrosa gehaltene Haut vor.

"Ich bin kein Landschafter", sagt Willi Sitte, der Bad Hersfeld schon seit den 70er Jahren kennt und als sympathische und kulturvolle Stadt kennengelernt hat. Deshalb ist er gerne der Einladung des Bürgermeisters gefolgt und lobte, daß er sogar dabei geholfen hat, die Bilder im Kapitelsaal aufzuhängen. Im Museum präsentiert der 78jährige nun also einen kleinen Ausschnitt aus seinem Lebenswerk. 40 großformatige Arbeiten, die den Menschen mit seinem positiven wie auch negativen Eigenschaften sowie Konfrontationen im Miteinander zeigt.

Der Künstler Willi Sitte ist als streitbarer Zeitgenosse in der DDR bekannt geworden. Denn der 1959 an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung in Halle zum Professor ernannte Maler hatte er von 1974 bis 1988 das Amt als Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR inne und war Mitglied der Volkskammer. Auch heute noch ist der frühere Kommunist und spätere Sozialist nicht unumstritten - gerade in den neuen Bundesländern. Vehement sprach er sich zuletzt gegen die Art und Weise aus, wie in der Weimarer Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" die DDR-Maler verheizt wurden. Willi Sittes Arbeiten werden mittlerweile fast nun noch in privaten Galerien im Westen gezeigt, zum Beispiel im vorigen Jahr in der Galerie von Günther Liebau in Burghaun (Kreis Fulda). Willi Sitte hat Antikriegsbilder gemalt, die gegen den Faschismus oder den Vietnamkrieg sprechen. "Ich bin froh, ihn kennengelernt zu haben, ich kenne keinen besseren Realisten", sagt Liebau, der auch in den in Bad Hersfeld gezeigten Bildern der Nach-Wende-Zeit die Aufforderung zum Widerstand erkannt hat: Nicht gegen den Tod als Naturereignis, sondern gegen Bedrohungen und Ängste, wie sie Menschen anderen Menschen bereiten. So ist bei der Zeugung eines Menschen auch gleich der Tod versteckt zu erkennen. Hartmut H. Boehmer, parteiloser Bürgermeister von Bad Hersfeld, ist vorwurfsvoll gefragt worden, warum er Sitte in die Festspielstadt geholt hat. Doch die qualitativ hochwertigen Arbeiten, die der Maler nach der Wende schuf, seien es allemal wert, gezeigt zu werden, meint Boehmer: "Ich denke, zehn Jahre nach der Wende ist es an der Zeit, sich der Kunst der DDR zu widmen, die ja das Leben dort bestimmt hat. Wir tun immer so, als hätte es sie nie gegeben und nur die Kunst des Westens. Sitte war nicht unumstritten und ist es auch heute nicht, aber nur wer Sitte kennt, kann auch mitreden."

Eine Zeitlang hat sich Sitte von Pablo Picasso inspirieren lassen, "um das Unsagbare zu sagen und das Nichtsagbare zu zeigen". Aktmalerei und menschliche Liebesbeziehungen sind vermehrt seit den 70er Jahren sein Thema. Das Ende des Kalten Krieges hat ihn in seinem Schaffen kaum beeinflußt, sagt Sitte. Die Arbeiterklasse aber hat ausgedient. Sittes Ölbilder und Graphiken der Nach-Wende-Zeit sind im Bad Hersfelder Museum noch bis einschließlich 5. Dezember 1999. (ah)

Biographische Daten:
1921 Geboren in Kratzau, Tschecheslowakei
1936 Studium an der Kunstschule in Reichenberg
1940-41 Meisterschule für Malerei in Kronenburg
1941-44 Kriegsdienst
1945-46 Kunstl. Arbeit in Mailand, Vicenza, Venedig
1951 Lehrauftrag in Halle
1953-54 Kunstpreis der Stadt Halle
1959 Ernennung zum Professor an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle
1966 Burda-Preis für Grafik
1968 Käthe-Kollwitz-Preis
1969 Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Künste
1972 Goldmedaille der 3. Internationalen Grafik-Biennale Florenz
1975-87 Direktor der Sektion Bildende und Angewandte Kunst an der heutigen Hochschule für Kunst und Design - Burg Giebichenstein
1974-88 Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR; Nationalpreis 1. und 2. Klasse
1991 Nicht mehr Mitglied der Akademie der Künste zu Berlin

Text von www.printzip.de, Copyright 1999

 

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