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Hessische Spezialitäten aus dem Labor PDF Drucken

gen.jpgGehören Sie zu den Menschen, die durch kleine Läden, Supermärkte oder durch Bio-Regale schlendern und sich Gedanken machen, was wohl für Zusatzstoffe, Rückstände von Giften oder Konservierungsmethoden in den gekauften Produkten stecken? Dann interessieren Sie sich sicher auch für die Frage, ob die Lebensmittel, die sie kaufen, gentechnisch verändert wurden. 94,6 Prozent der EuropäerInnen wollen selbst aussuchen können, ob sie gentechnisch veränderte Lebensmittel verzehren oder nicht - und 70,9 Prozent von ihnen würden dann zu gentechnikfreien Produkten greifen.1 Aber das ist gar nicht so einfach, denn woran erkennt mensch Gentechnik?

KENNZEICHNUNGEN

Die hohe Politik hat mal wieder ein neues Gentechnikgesetz verabschiedet. Die bisherige Lage war unbefriedigend. Wenn überhaupt, fanden sich Hinweise auf gentechnische Manipulationen im Kleingedruckten der Verpackungen – vieles musste gar nicht benannt werden, beispielsweise wenn Tiere mit Gensoja oder -mais gefüttert wurden. Das neue Gesetz, das dieses Jahr in Kraft tritt, wendet manches zum Guten, manches zum Schlechten. Auf jeden Fall schafft es ein neues Label: „Ohne Gentechnik" wird in Zukunft häufiger zu finden sein. Ob es sich durchsetzt, werden die nächsten Monate zeigen. Die Unsicherheit wird bleiben, denn Transparenz und Aufklärung waren nie die Stärke einer Lebensmittelindustrie, der es vor allem um eines geht: Profite. Es wird stark auch auf die einzelnen Läden und Supermarktketten ankommen, wie sie ihre Produktpalette gestalten und die Kunden informieren. Genau dort kann jeder Mensch ansetzen: Bitten Sie die Läden, in denen Sie einkaufen, um entsprechende Informationen. Oder gewinnen Sie den ganzen Betrieb dafür, zur „gentechnikfreien (Einkaufs-)Zone" zu werden. Die Gewinner wären auch Sie selbst, denn mit der Gentechnik sind Risiken und Nebenwirkungen verbunden – und sie ist in vielen Fällen für den Verbraucher unsichtbar.

PATENTE AUF LEBEN

In einer Gesellschaft, in der es vor allem um Profite geht, folgt auch die Gentechnik diesem Ziel. Die Technologie ist nicht nur ein unkalkulierbares Risiko, sondern wird immer öfter gezielt gegen Menschen eingesetzt. Dazu gehört die Anmeldung von Genen als Patente. Große Firmen sichern sich den Zugriff auf Tier- und Pflanzenarten, aber auch auf menschliche Gene. Gelingt es ihnen, ein Patent zu erwerben, so kontrollieren sie alle Anwendungen mit diesen Lebensformen. Patentiert werden inzwischen nicht nur gentechnische Veränderungen, sondern auch von Natur aus vorkommende Gene. Der Trick der Konzerne: Sie entwickeln Methoden, mit denen diese Gene untersucht werden könnten - und lassen sich dann alles patentieren, was damit untersucht wurde. Also, nicht nur die Methode, sondern auch das ansonsten unveränderte Gen selbst mitsamt dem damit lebenden Wesen. Die Folgen: Mehr Profit für den Konzern, weniger Lebensqualität für Mensch, Tier oder Pflanze. Ein Beispiel sind Gensequenzen, die Brustkrebs fördern.

Die Firma Myriad Genetics hat die Untersuchungsmethode patentieren lassen. Nun verbietet die US-Firma per Gesetz allen andern Forschungslabors solche oder ähnliche Brustkrebs-Gentests zu entwickeln. Infolge der marktbeherrschenden Stellung durch den Patentschutz hat Myriad Genetics die Preise von Tests für BRCA1- und BRCA-2-Gene erhöht, in manchen Ländern sogar um das Zwei- bis Dreifache. Das können sich viele Menschen nicht mehr leisten und es zeigt sich, was es bedeutet, wenn eine Firma im medizinischen Bereich Genpatente erhält. Den Patienten hilft das nicht, sondern schadet ihnen.2

 

GEHEIME VERSUCHE

Die bisherigen Erfahrungen mit der Gentechnik, die bis heute vielfach nicht geklärten Verunreinigungen von Lebensmitteln mit genveränderten Lebensmitteln3 und die dubiosen Abläufe bei Feldversuchen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Eine Branche, in der mit der Gesundheit der Menschen um den Profit gespielt und so genannte unabhängige Forschung von den Konzernen selbst finanziert und gesteuert wird, ist noch zu ganz anderen Methoden in der Lage. Anfang dieses Jahrzehnts wurden mehrere geheime Feldversuche durchgeführt - im Auftrag von Regierungen. Auch Adelshausen in der Nähe von Melsungen war betroffen. Der damals angebaute Raps kreuzt stark aus und muss bis heute auf Durchwuchs kontrolliert werden, weil selbst auf dem Standort noch immer genveränderte Rapspflanzen auftauchen (unter anderem mehrfach im Zeitraum Januar bis März 2007 laut Mitteilung der Aufsichtsbehörde am 6.2.2008). Wohin die gentechnisch veränderten Gene inzwischen sonst noch ausgestreut sind, wird nie jemand feststellen können. International sieht es noch düsterer aus. Dass Hunger leidenden Menschen bereits Nahrungsmittel gegeben wurden, die sie gleichzeitig unfruchtbar machten, lässt erahnen, welches Kontroll- und Steuerungspotential auf menschliches Leben in der Risikotechnologie steckt. Naiv wäre der, der glaubt, dieses würde nicht auch angewendet, wenn es denn einmal entwickelt ist. Militärische Forschung mit dem Ziel, durch gentechnische Veränderungen zukünftig Länder gezielt in den Hungertod treiben zu können, sind längst im Gange, unter anderem Sequenzen im Saatgut, die wie Schalter wirken. Wird ein zusätzliches Mittel per Flugzeug ausgebracht, könnte die Pflanze zum Beispiel am Keimen gehindert oder zur Bildung von Stoffen gebracht werden, die unfruchtbar machen.

GENFELDER IN HESSEN

Die Geschichte der Gentechnik in Hessen ist eine der ständigen Auseinandersetzung zwischen Anwendung und Zerstörung. Nirgendwo sonst gab es einen derart hohen Anteil an besetzten oder zerstörten Flächen. Auftakt war die mehrjährige Auseinandersetzung um Maisversuche der damaligen Hoechst-Sparte AgrEvo Mitte der 90er Jahre in Melbach (Wetterau), gefolgt von den Rapsversuchen der Uni Gießen in Rauischholzhausen. Zerstörungsquote: 100 Prozent. Danach kam es zu einzelnen kommerziellen Anbauversuchen mit dramatischem Ergebnis: Ein Landwirt aus der Wetterau verlor einen Großteil seines Kuhbestandes. Bis heute ist umstritten, wieweit die Gentechnik dafür verantwortlich war. Der Bauer selbst konvertierte vom Befürworter zum entschiedenen Kritiker.

Im laufenden Jahr soll das Maisfeld von Gießen nach Rauischholzhausen (Ebsdorfergrund) verlegt werden – und traf dort sofort auf massiven Protest.4 Überall sind massive Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, unter anderem wurde am Gerstenfeld in Gießen eine ganze Obstwiese bis auf die Stämme zurück geschnitten, um bessere Sicht für die Sicherheitsdienste zu schaffen. Das hat gute Gründe...

ERBITTERES GERANGEL IN HES-SENS GENTECHNIK-HAUPTSTADT

Seit 2006 geht der Freilandanbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Hessen von Neuem los. Hauptantreiber war und ist die Uni Gießen. Im Jahr 2007 betrieb sie drei Anlagen: Mais und Gerste in Gießen, nochmals Mais auf ihrem Versuchsgut bei Groß Gerau. Damit waren alle hessischen Gentechnikfelder „Made in Gießen", denn ein viertes – geplant von der Firma Monsanto in Wabern-Niedermöllrich – wurde wegen den Protesten schon vor der Aussaat gestoppt. Doch mit den Gießener Flächen hatte die Universität nur ein kurzes Glück. Im ersten Jahr konnte sie zunächst durch massive Unterstützung seitens der zuständigen Behörden und ungestört von den tief schlafenden Parteien und Umweltverbänden, Kirchen und Bauernverbände ein Versuchsfeld mit transgener Gerste einsäen. Es war die einzige Fläche mit solchen Pflanzen in Europa und wurde mit Sofortvollzug durchgeboxt, so dass allen Menschen einschließlich der direkten Anwohner die Möglichkeit genommen wurde, auf legalem Weg die Ausbringung der Gerste zu verhindern. Doch am 2. Juni (Pfingstfreitag) war Schluss. „FeldbefreierInnen" legten selbst Hand an. Trotz Sonderbewachung durch die Polizei gelang die Aktion – verbunden mit der Ankündigung, in dem unausweichlich folgenden Gerichtsprozess das nachzuholen, was durch den Sofortvollzug verbaut wurde: die Rechtmäßigkeit der Gentechnik insgesamt und des konkreten Gengerstefeldes überprüfen zu lassen. Das aber scheint nun Gentechniklobby und ihren staatlichen Unterstützern das Fürchten zu lehren: Der bereits für den 7. April terminierte Strafprozess wurde kurzerhand wieder abgesagt, nachdem die FeldbefreierInnen öffentlich ankündigten, die Rechtmäßigkeit des Genversuches im Verfahren genau überprüfen und die Versuchsleitung zu allen Details und Seltsamkeiten des Versuches fragen zu wollen. Doch wollen GenkritikerInnen nicht mehr locker lassen. Sie versuchen sich verstärkt, mit Brauereien, der Firma Bionade, Lebensmittelhändlern und Landwirten zu verbünden und rufen die Uni auf, von sich aus auf die riskanten Spiele mit dem Leben zu verzichten. Geplant sind Veranstaltungen und auch eine Demonstration (siehe Seite 6). Mehr Informationen zu den hessischen Genversuchsfeldern, Hintergründen, Tipps und Aktionen unter www. gendreck-giessen.de.vu

Und in Osthessen?

Es gibt in der gesamten Region Nord- und Osthessen gentechnikfreie Regionen. Die größte bildet das Biosphärenreservat Rhön (Thüringen-Hessen-Bayern), hinzukommen der Landkreis Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg, neuerdings auch in Schwalm-Eder. Beeindruckend ist das Beispiel im Vogelsberg, wo die Initiative von Landwirten selbst ausging, die im direkten Kontakt zu ihren Kollegen und immer mehr Unterstützern viele Selbstverpflichtungserklärungen sowie den gemeinsamen Einkauf gentechnikfreier Futtermittel erreicht haben.5 Während in Werra-Meißner und in der Rhön alle Gebiets-Bauernverbände sich konstruktiv beteiligt haben, hat der Bauernverband Hersfeld-Rotenburg bisher gemauert und torpediert. Immerhin aber hat hier der Kreistag zweimal mit Mehrheit Beschlüsse für einen gentechnikfreien Anbau in der Landwirtschaft gefasst. Selbstverpflichtungserklärungen für Landwirte, Verbraucher, Lebensmittelhandwerks und –handel sowie Gastronomie sind nun auf der Website des Landkreises abrufbar6.                                                       Jörg Bergstedt & Michael Held

 

1 Marcus Lemke (2002): „Gentechnik - Naturschutz - Ökolandbau", Nomos in Baden-Baden (S. 17).

2 Quelle: www.greenpeace.de

3 gv = gentechnisch verändert, GVO = gentechnisch veränderte Organismus (engl: GMO)

4 Internetseite der BürgerInnen dort: www.ebsdorfergrund-gentechnik.de

5 www.zivilcourage-vogelsberg.de

6 www.hef-rof.de (als Suchwort „Selbstverpflichtungserklärung" eingeben)

 
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