Ausgabe 05-2017 zum Durchblättern:

Probenbeginn bei den Festspielen

Am 3. Mai fand in der jetzigen „Festival Factory“ (ehemaligen Abfüllhalle) neben der Bad Hersfelder Stadthalle, die erste Pressekonferenz der diesjährigen Festspielsaison statt. Intendant Dr. Dieter Wedel verfolgte die Intention, sein neues Theaterstück „Martin Luther – Der Anschlag“ näher zu beleuchten und den ersten Probetag einzuleiten.

 

In Anwesenheit seines Stellvertreters Joern Hinkel und einiger engagierter Schauspieler, machte Dr. Dieter Wedel zunächst auf ein paar besondere Umstände in Bezug auf die 67. Bad Hersfelder Festspiele aufmerksam. So sei beispielsweise das Schauspiel bereits vor der ersten Pressekonferenz komplett ausverkauft gewesen. Eine Gegebenheit, die es seit Bestehen der Festspiele so nie gab.

 

Mit „Martin Luther – Der Anschlag“ beabsichtigt Wedel eine authentisch angedachte Inszenierung der Lebensgeschichte Luthers, welche am 23. Juni in der Stiftsruine uraufgeführt wird. Eine Besonderheit dieses Unterfangens ist Luthers Geschichte nicht einfach bloß von Anfang bis Ende nachzuerzählen, sondern ihn in verschiedenen Lebensphasen mit unterschiedlichen Charakterzügen darzustellen. Für diesen Zweck wurden ganze vier Luther-Darsteller engagiert, mitunter auch eine Frau: Janina Stopper, die für die Rolle des verzweifelten Luthers vorgesehen ist. Zudem beherbergt das Stück noch einige weitere bekannte Gesichter. Darunter auch Erol Sander als Papst Leo X., Elisabeth Lanz als Katharina von Bora, Claude Oliver Rudolph als Ablassprediger Tetzel und Paulus Manker, der den „Wutbürger“ Luther sowie dessen Vater spielt.

 

Für das Theaterstück wurden nach Aussage des Intendanten viele Werke Luthers und historische Aufzeichnungen seiner Person studiert. Da jedoch viele Dokumente nicht selten Lücken aufweisen, sah Wedel sich gezwungen, einige Szenen zu improvisieren. Er betont jedoch, dass Theater Geschichte kaum korrekt nacherzählen kann, sondern das Leben nachempfinden soll. Andererseits gab es Szenen, die zu komplex oder zeitaufwendig für eine normale Bühnenaufführung sind. Deshalb habe er sich dazu entschieden, vorher Filmaufnahmen jeweiliger Szenen zu drehen, um sie dann bei der Aufführung abzuspielen. An diesen wurde bereits in den Wochen zuvor gearbeitet. Durch die massive Anzahl der benötigten Schauspieler, sei der Aufwand des Unterfangens durchaus schon mit dem eines klassischen Spielfilms zu vergleichen. Ein mittelalterliches Spektakel wie „Die Wanderhure“ soll es am Ende jedoch nicht werden.

 

Erläuternd meint Wedel, dass Martin Luther ein Pionier in Sachen National- und Unabhängigkeitsempfinden der Deutschen gewesen sei. Durch seine Eigenschaften wie Pünktlichkeit, musikalische Ambitionen, aber eben auch seine Obrigkeitsgläubigkeit schuf er das typische Bild des Deutschen. Des Weiteren legt Wedel in seinen Ausführungen die polemische Ader Luthers und seinen Antijudaismus offen, welcher etwa Parallelen beziehungsweise Vorbildfunktion zu den Nationalsozialisten darstellt. Gerade deswegen betont Wedel, dass jedes vulgäre Wettern gegen Minderheiten während des Schauspiels rein historisch fundiert sei und nicht Wedels eigener Fantasie entspringt. Für ihn werden jedoch noch immer die widerlichsten Verbrechen unter dem Namen eines missverstandenen Gottes verbrochen. In Hinsicht dieser Thematik erzählt der Intendant von seiner modifizierten Inszenierung Arthur Millers Theaterstücks „Hexenjagd“. Das Setting dieses Schauspiels wurde bewusst in die Neuzeit versetzt, um eine Aktualisierung der Thematik durch jüngerer Geschehnisse zu verdeutlichen. Da habe sich im vergangenen Jahr einiges getan. Jäger würden schließlich heutzutage auch zu Gejagten werden.

 

Text: Domenic Nutrica, Fotos: Timo Schadt

 

Ausgabe 04-2017 zum Durchblättern:

 

Das printzip 6-2017 erscheint am 29. Mai 2017