Hexenjagd

Verfolgung und Wahn, Lügen und Gerüchte, Rückgratlosigkeit und Opportunismus - darum geht es bei Arthur Millers „Hexenjagd“. Eine Neuinszenierung durch Intendant Dieter Wedel bildete den Auftakt der diesjährigen Bad Hersfelder Festspiele.

Salem, Massachusetts: Abigail Williams (Corinna Pohlmann intensiv, aber knapp an der Grenze zum Overacting) und ihre Freundinnen werden vom örtlichen Pastor Parris (André Eisermann) dabei erwischt, wie sie im Wald tanzen. Um einer Strafe zu entgehen, beschuldigen die Mädchen andere Einwohner*innen, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Innerhalb kurzer Zeit bildet sich aus Aberglauben, Vorurteilen und Gerüchten eine wahre Verfolgungshysterie. Frauen und Männer werden angeschuldigt, um abzulenken, aus Eifersucht oder aus Habgier. Reverend Hale (Richy Müller) erkennt allmählich den Wahnsinn: „In der Tiefe Ihrer finsteren Seelen wissen Sie doch alle, dass das hier Betrug ist.“ Doch gäben die Richter (André Hennicke und Hans Diehl) dies zu, würde ein Aufstand drohen. Schließlich werden auch John Proctor (Christian Nickel), der eine Affäre mit Abigail hatte, und seine Frau (Elizabeth Lanz) festgenommen. Kann er die Sache aufklären, wird er zu seinen Prinzipien stehen, oder wie viele andere Beschuldigte (unter anderem Janina Stopper) einknicken?


Dieter Wedel ist es gelungen, für das Stück bis in die Nebenrollen bekannte Film- und Theaterschauspieler zu versammeln, etwa Horst Janson als zänkischer Alter. Kaum wiederzuerkennen ist Jasmin Tabatabai als Bettlerin, die in Video-Einspielern erscheint. Dies ist die große Innovation dieser Inszenierung: Auf einem großen Bildschirm kommentieren beteiligte Personen das Geschehen, auch ganze Szenen sind dort zu sehen. Teilweise interagieren die Personen auf der Leinwand auch mit denen auf der Bühne, was perfektes Timing erfordert. Bei der Premiere ist dies gelungen.


Die Optik der Handlung wurde vom Jahr 1692 in die 1930er verlegt. Dies soll wohl die Zeitlosigkeit der Handlung schreiben, die Arthur Miller bereits als Analogie zu McCarthy-Ära konzipierte. Das geht jedoch nicht ganz auf, wenn etwa ein Radio zu hören und ein Motorrad zu sehen sind, aber gleichzeitig von Hexen gesprochen wird. Auch ein paar Westernklänge stören die ansonsten sehr passende Musik. „Ich wollte das Stück nicht wie Arthur Miller im Mittelalter ansiedeln, das ist zu weit weg und zu romantisierend“, erklärt Wedel. Auch wenn das Mittelalter da schon 200 Jahre her war, versteht man doch den Ansatz von Wedel: Die Mechanismen der Massenhysterie sind zeitlos. Unheimliche, finstere Mächte am Werk zu sehen, die man für Übel verantwortlich machen kann, ist auch heute noch ein verbreitetes Phänomen. Die Parallelen zur Gegenwart sind jedoch deutlich weniger explizit, als dies im Vorfeld angekündigt war. Sie erschließen sich eher durch Reflexion der Ereignisse. So überzeugt die Neuauflage als handwerklich hervorragend gemachte, aber eher zeitlose als moderne Inszenierung.

Hexenjagd ist bis 31. Juli bei den Bad Hersfelder Festspielen zu sehen.
Tickets ab 29 Euro.            

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt/ Markus Weber                                                                

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