Durch Konsum die Welt retten?

Die Welt verbessern durch Einkaufen? Geht das? Oder ist das Anfeuern zum nachhaltigen Konsum ein billiger Trick der Herrschenden, uns ein gutes Gefühl vorzugaukeln, während wir unser Geld denen geben, die die Produktionsmittel besitzen?


Jörg Bergstedt, Buchautor und Aktivist, hat diese Fragen am 11. Juli 2016 bei einem Vortrag in Fulda zu beantworten versucht. Das folgende Video ist ein Audomitschnitt, unterlegt mit passenden Bildern und Filmsequenzen.

Infoseite: www.konsumkritik-kritik.de.vu. Das Büchlein "Konsumkritik-Kritik" aus dem SeitenHieb-Verlag (www.seitenhieb.info) ist über den Buchhandel und über www.aktionsversand.de.vu zu beziehen.

Der Film stammt aus dem Filmstudio der Projektwerkstatt in Saasen (www.projektwerkstatt.de/saasen). Weitere Filme von dort bei YouTube oder unter www.projektwerkstatt.de/filme.

Creative Commons, d.h. anschauen, zeigen, kopieren und zitieren für nicht-kommerzielle Zwecke frei. Die Filmmusik stammt von Sascha Ende (www.ende.tv).

 

Interview mit Jörg Bergstedt

Jörg Bergstedt ist politischer Vollzeitaktivist und Fachbuchautor (unter anderem „Autonomie und Kooperation“ und „Demokratie. Die Herrschaft des Volkes“). Anlässlich eines Vortrags in Fulda  sprach printzip mit ihm über seine Kritik an der Konsumkritik - an der Ansicht, durch nachhaltigen Konsum die Welt verbessern zu können.

Jörg Bergstedt während einer Veranstaltung in den Fuldaer Zeppelingärten
Jörg Bergstedt während einer Veranstaltung in den Fuldaer Zeppelingärten

printzip: Alle Welt redet von nachhaltigem Konsum, der helfen soll, das Klima oder gleich die ganze Welt zu retten – und das mit verantwortungsvollem Einkaufen. Und du kommst jetzt nach Fulda und willst einen Vortrag halten, der das einfach für Unsinn erklärt.  Wie kommst du dazu?
Jörg Bergstedt: Die Wirkung der eigenen Konsumentscheidung wird völlig überschätzt. Vor allem wird falsch bewertet, was eigentlich passiert, wenn Menschen ihr Geld in eine bestimmte Richtung lenken. Noch schlimmer aber ist, dass dieses ganze Konsumgeschwafel ablenkt. Wir sollen uns mit dem Klein-Klein unseres Alltags beschäftigen – und die großen Stellschrauben der Welt den Reichen und Mächtigen überlassen.

printzip: Du hast vor Kurzem ein Buch geschrieben mit dem Titel „Konsumkritik-Kritik“. Warum greifst du diese so vehement an?
Bergstedt: Eigentlich stinkt mir dieser Werbegag zum weiteren Anheizen des Kaufens schon immer. Neu ist ja nur, dass jetzt ein Aufpreis bezahlt werden muss, dessen Effekt das Geld aber wert ist: Ein gutes Gefühl. Reicht manchmal tagelang. Dafür einen Euro oder was auch immer draufzulegen, ist doch ein korrektes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Hintergrundfakten, zum Beispiel die Arbeitsbedingungen in der Bio-Branche, die Transportkilometer vieler Kolonialwaren oder der mitfinanzierte Fanatismus von Sekten aller Art interessieren da kaum jemand.

printzip: Du meinst also, das ist vor allem Illusion. Wie ist die Reaktion der Menschen, wenn du ihnen diese nimmst?
Bergtedt: Das ist nicht ganz einheitlich. In den Führungsetagen der Öko- und Bessere-Welt-Branchen bin ich sicherlich nicht übermäßig beliebt. Aber ich bin ja nicht der Einzige, der die Kommerzialisierung vermeintlicher Weltverbesserung kritisiert. Ich verweise nur auf Kathrin Hartmanns viel gelesene Bücher dazu. Außerdem ist das keine Besonderheit der Firmen. Ich habe auch viele Umweltverbände dafür kritisiert, dass sie mit ihren – zum Teil ja erfundenen – Erfolgsstorys und Bedrohungsszenarien vor allem nach einem jagen: Geld. Wer hier genauer hinguckt, merkt genauso, dass Spenden an Umweltverbände oder andere Weltverbesserer vor allem Hauptamtlichenapparate und die Dominanz der Fundraisingabteilungen fördern. So ist es in der Wirtschaft auch: Wer in eine bestimmte Branche sein Geld gibt, beschleunigt die Kommerzialisierung dieses Sektors.

printzip: Das muss aber doch viele Menschen schockieren, wenn sie merken, dass ihr Geld futsch ist, aber doch nicht so viel bewirkt, wie sie erhofften.
Bergstedt: Aber was hilft es? Sich selbst zu belügen ist noch dümmer, als sich belügen zu lassen. Ich fand immer wichtig, Klartext zu reden und zum Nachdenken und offensiven Handeln zu ermuntern. Vielleicht mal ein Beispiel: Es war im Mai 2014, einen Tag vor der Europawahl. Weltweit fanden Märsche gegen Monsanto statt. Nur gegen Monsanto, das simple Feindbild des bösen US-amerikanischen Weltkonzerns – das nervte mich schon länger. Dass es hierzulande vor allem deutsche Konzerne sind, die als Lobbyisten für Gift, Düngung und Gentechnik eintraten, wurde immer wieder übersehen. Für München hatte ich als Redner auf der Demo zugesagt – und alles fand unter einem neuen Namen statt: Konsum(r)evolution. Als ich dann auch noch Flugblätter sah, wo zur EU-Wahl gesagt wurde, mensch könne dort einmal mitbestimmen, aber beim täglichen Einkauf würde mensch täglich die Geschicke der Welt beeinflussen, wusste ich, was ich zu tun hatte. Selten habe ich so intensiv an einer Rede gebastelt. Ich bin dann auf die Bühne und es gab viel Applaus. Als Autor von „Monsanto auf Deutsch“ und Feldbefreier mit der längsten Haftstrafe aller Aktivisten dort kannten mich wahrscheinlich einige. Dann rief ich: „Morgen ist Europawahl und ihr könnt mit eurer Stimme entscheiden, wie es in Europa weitergeht.“ Applaus. „Jeden Tag aber könnt ihr mit eurem Einkauf entscheiden, wie die Welt tickt.“ Richtig viel Applaus. Pause. „Glaubt ihr den Scheiß wirklich?“ Entsetztes Schweigen. „Wenn wir mit unserer Wahl die Politik bestimmen, warum ist die dann so scheiße?“ Weiter alles still. „Wenn wir mit unserem Einkauf die Welt lenken, warum verrecken überall die Menschen, wird die Umwelt zerstört? Sind wir zu blöd?“ Wieder eine Pause – in der Demo weiterhin alles still. „Oder kann es sein, dass die Theorie nicht stimmt und das ganze Gerede von der Konsument*innenmacht uns ruhigstellen soll, damit wir die Frage nach den wirklichen Stellschrauben der Macht vergessen?“ Jetzt gab es erste Reaktionen, einige klatschten. Ich habe dann erklärt, warum die Konsument*innenmacht nicht funktionieren kann – und dass es fatal ist, dass wir freiwillig die Frage nach den Produktionsverhältnissen aus der Hand geben, wenn wir Konsum zu unserem Schwerpunkt machen.

printzip: Hat die Rede oder deine Kritik etwas bewirkt?
Bergstedt: Das kann ich natürlich nicht messen. In der öffentlichen Meinung habe ich aber wenig Chancen, wenn von Bundesregierung über BASF und Daimler bis zu Umweltverbänden alle die gleiche Melodie spielen und die Menschen belügen. Bei den Konzernen verstehe ich das ja: Sie sind die Inhaber der Produktionsmittel. Für sie ist es eine schöne Vorstellung, dass die Menschen diese Basis kapitalistischer Hegemonie ignorieren und die alten Ideen von Marx hinter Bio-Joghurts und ethischen Geldanlagen versenkt werden. Aber Ökos, Friedensliebende, Eine-Welt-Kämpfer*innen? Was müssen die ausgebrannt und hoffnungslos sein, um einem solchem Unsinn zu folgen?

printzip: Hieß nicht früher mal ein alter anarchistischer Satz „Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei“?
Bergstedt: Ja. Jetzt wäre moderner: „Wir wollen ein bisschen mehr Nuss im Kuchen, die Bäckerei interessiert uns nicht“ oder „Hauptsache gesundes Mehl, die Produktionsbedingungen sind uns egal“. Das ist übrigens Zeitgeist: Viele selbstverwaltete Betriebe gehen zugrunde, weil die Menschen nicht mehr Mitinhaber*in, sondern lieber Lohnabhängige*r werden wollen. Aber darauf zu verzichten, die Machtfrage zu stellen und sich den gesellschaftlich zugewiesenen Rollen hinzugeben, ist überall prägend geworden. „Keine Macht (also auch keine Produktionsmittel) für niemand!“ – war gestern. „Ja, ich will Rädchen im System sein!“ - das ist heute.

Weitere Informationen:
www.konsumkritik-kritik.de.vu

Interview: Markus Weber, printzip Ausgabe Juli 2016

Jörg Bergstedt: „Konsumkritik-Kritik“
SeitenHieb-Verlag|ISBN 978-3-86747-070-4
53 Seiten | 3 Euro

Kommentar schreiben

Kommentare: 0