Unser Essen ist politisch

Zukunft gestalten: Mit Qualität und Vielfalt“ lautete der Titel des Symposiums der Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel (IG FÜR!), das am 19. November im Morgensternhaus in Fulda stattfand.

IG FÜR gesunde Lebensmittel Sympsium Fulda
V.l.n.r.: Georg Sedlmaier, Susanne Kümmerle, Karin Artzt-Steinbrink, Tobias Bandel, Karin Frank, Thomas Gutberlet, Katharina Reuter, Stina Spiegelberg, Uwe Meier, Paul Werner Hildebrand­

Gefahren durch TTIP

„Essen ist politisch“, führte Katharina Reuter von UnternehmensGrün aus. Der Verband der grünen und nachhaltigen Wirtschaft beteiligt sich an der Initiative KMU (kleine und mittlere Unternehmen) gegen TTIP. Durch das geplante Freihandelsabkommen würden Gesundheits- und Umweltstandards oder geschützte Herkunftsbezeichnungen in Bedrängnis geraten. Kleine Höfe, regionale Handwerksbetriebe, Hersteller, die soziale Standards beachten, und nachhaltige Unternehmen wären genauso bedroht wie die Erneuerbare Energien und die öffentliche Daseinsfürsorge.

Aufklären statt missionieren

Bio muss nicht gleich teuer bedeuten: Bio-Lebensmittel sind oft sogar günstiger in der Erzeugung als konventionelle. Ein besserer Maßstab für Verbraucher*innen wäre der Preis pro Nährwert statt der Preis pro Gramm.
Es können aber durchaus Widersprüche existieren: ökologisch versus sozial oder vegan versus bio und frei von Zusatzstoffen - man denke an manche Fleischersatzprodukte. Stira Spiegelberg, die den Blog veganpassion.de betreibt, möchte Menschen nicht missionieren. Vielmehr will sie zum Nachdenken über den hohen Konsum tierischer Lebensmittel anregen und durch Hervorhebung des Genussaspekts positive Verknüpfungen zur veganen Ernährung herstellen, die sie mehr als Aufklärungsbewegung denn als Trend sieht.

Essen ist eine Systemfrage

„Unsere Essensentscheidungen sind von planetarer Bedeutung“, sagt Ursula Hudson von Slow Food. Die Bewegung mir über 100.000 Mitgliedern setzt sich in 50 Ländern für eine nachhaltige Esskultur ein. Sie emöchte das Wissen um Lebensmittel und kulinarische Kompetenz als „zentrale Alltagskompetenz“ den Menschen nahebringen. Neben Genuss sind für Slow Food die regionale Herkunft und kulturell-identitätsstiftende Faktoren der Lebensmittel zentral. Zu ihren Printzipien gehört die ressourcenschonende Erzeugung, handwerkliche Weiterbearbeitung, faire Bezahlung und Mitverantwortung für Produzenten. Daher seien Netzwerke zwischen Bauern und Konsumenten unterstützenswert. In Osthessen gibt es bereits so ein Netzwerk: Die Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft „Gelbe Rübe“ in der Langebrückenstraße 14 in Fulda.
„Unsere Welt sieht genauso aus, wie wir essen“, erklärt Ursula Hudson. Monokulturen, Sojaanbau für den hohen Fleischkonsum, Mais- und Rapsfelder, auch für Biogas-Anlagen. Die industrielle Nahrungsmittelerzeugung sei nicht mehr haltbar. „Essen ist für uns eine Systemfrage“.

 

Gute Beispiele: Es geht auch anders

Jedoch gibt es auch „Leuchtturmprojekte“: Tobias Bandel entwickelt bei Soil & More International Nachhaltigkeitsstrategien für die Landwirtschaft. Man müsse den „Goodprint“ maximieren, statt nur den Foodprint, den ökologischen Fußabdruck, zu reduzieren, so sein Ansatz. Uwe Meier hat ein Start-up für einen „Friedenskakao“ aus Kolumbien gegründet. Dieser soll die Biodiversität fördern, einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und Entwicklungschancen eröffnen. Die „Urwaldgärten“, in denen der Kakao für seine Schokolade nun wächst, blühen vor vielfältigen Tier- und Pflanzenarten.
Die Medizinerin Susanne Kümmerle zeigte, dass Abnehmen und Gewichtskontrolle möglich sind, indem man bewussten, gesunden Genuss erlernt. Karin Artzt-Steinbrink stellte die Upländer Bauernmolkerei vor, die die erste als „gentechnikfrei“ gekennzeichnete Milch auf den Markt brachte und 20 Jahre alt wird. Karin Frank, Permakultur-Designerin, präsentierte urbane Gemeischaftsgärten, die zur Ernährungssouveränität beitragen können - sie spricht von „essbaren Gärten“ und „Regalen im Beet“.

 


Text und Foto: Markus Weber

erschienen im printzip, Ausgabe 12/2016

 

Buchtipp:

 

Im neuen Gastroführer von Slow Food geht es neben dem Geschmack auch um den Umgang mit den Lebensmittelproduzenten, kulinarischen Traditionen und Verarbeitungstechniken, um die Nachhaltigkeit der Rohstoffe und der Herstellung sowie um einen fairen und schonenden Umgang mit Menschen, Tieren und der Umwelt geht. Die Restaurants sollen außerdem bezahlbar sein. So finden sich im neuen Genussführer über 500 Gasthäuser.

 

Slow Food Deutschland e.V.: Slow Food Genussführer Deutschland 2017/18, oekom Verlag, 2016, ca. 610 Seiten, 24,95 Euro

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