Neues Eisenbahnunternehmen Locomore gestartet: Die etwas andere Bahn

Auf dem Boden eines Abteils spielen Kinder mit einer Holzeisenbahn. In speziellen Themen-Abteils - wie diesem - können Näh- und Häkel-Begeisterte, Brett- oder Kartenspieler*innen oder vernetzungswillige Start-Up-Unternehmer*innen zueinanderfinden. Das neue Eisenbahnunternehmen Locomore bietet Zugfahrten der etwas anderen Art. printzip-Redakteur Markus Weber war bei der Premierenfahrt am 14. Dezember 2016 dabei.

Locomore Fulda
Der Locomore-Zug fährt in Fulda ein

Einmal täglich verkehrt seitdem der Locomore-Zug zwischen Stuttgart und Berlin-Lichtenberg, mit Halt unter anderem in Frankfurt/Süd, Hanau, Fulda und Kassel-Wilhelmshöhe. Tickets sind unter www.locomore.com
zu erwerben. Die Fahrpreise sind variabel, sie richten sich nach der Nachfrage. So sind Karten von Fulda nach Berlin an manchen Tagen schon für 15 Euro erhältlich, an anderen für 45 Euro. Der maximale Preis von Stuttgart nach Berlin beträgt 65 Euro. Die Kosten liegen immer unter dem Bahncard-50-Preis der Deutschen Bahn, erklärt Dirk Ladewig, Gründer von Locomore. Bei der Buchung wird automatisch ein Sitzplatz reserviert. Es können auch Spontanfahrer*innen einsteigen und an Bord bezahlen, Stehplätze gibt es zur Not auch, falls alles besetzt ist.


Die Fahrt ist ein bisschen wie eine Zeitreise: Die Züge sind umgebaute ICs aus den 70er Jahren. Neben den Themen-Abteilen, in denen Reisende Gleichgesinnte treffen können, gibt es auch Einzel-, Ruhe- und Business-Abteile. Alle sind ähnlich ausgestattet: Sechs Plätze mit gepolsterten Sesseln, die sich auch als Liegen ausklappen lassen. Die Business-Abteile bieten noch mehr Platz: Hier werden nur drei Plätze besetzt, außerdem gibt es ab 60 Minuten Fahrt ein Getränke, einen Snack gratis und ohnehin Zeitungen – dafür kostet die Fahrt mehr. Auch Großraumabteile sind vorhanden, hier sind die Sitze mit beigem Leder bezogen. Das WLAN ist kostenlos und funktionierte bei der Probefahrt ohne Probleme. Auch die Deutsche Bahn bietet ab 1. Januar 2017 kostenloses WLAN in allen ICEs. Speisen und Getränke werden am Platz aus einem Rollwagen serviert. „Service und Ticketkontrolle finden parallel statt. Es soll einen klaren Focus auf den Service geben, dass nicht ‚Fahrkarten bitte‘ im Vordergrund steht, sondern ‚Was kann ich Ihnen anbieten?‘“ erläutert Kathrin Seiler, Geschäftsführerin von Locomore gegenüber dem printzip.

Das Verpflegungsangebot ist recht vielfältig, zum großen Teil ökologisch, es gibt auch vegetarische, vegane und glutenfreie Speisen. Der fair gehandelte Gepa-Filterkaffee kostet für 0,2 Liter 1,80 Euro. Es gibt aber kein Bordbistro, was einige Passagiere vermissen mögen.

 

Locomore Familienabteil
Das Familienabteil.

Bei der ersten Fahrt war das Interesse der Presse groß, Passagiere hingeben waren noch recht wenige zu finden. Die, die mitfuhren, äußerten sich insgesamt sehr zufrieden. Für viele war der Preis ausschlaggebend, aber auch der Betrieb des Zugs mit Öko-Strom ein netter Zusatzfaktor. Im Gegensatz zum Fernbus sei es komfortabler und es gebe mehr Bewegungsfreiheit. Im Fahrplan ist viel Zeitpuffer abgebaut. Bei der Premierenfahrt konnte erst 40 Minuten später in Stuttgart losgefahren werden, allerdings war der Zug bereits 5 Minuten früher als geplant in Frankfurt. Mit 3:43 Stunden braucht Locomore allerdings rund eine halbe Stunde länger von Fulda nach Berlin Hauptbahnhof als die Deutsche Bahn.


Ein paar Kritikpunkte gab es seitens der Fahrgäste aber doch: So ließen sich manche der Durchgangstüren nur mit Mühe öffnen, die Abfallbehälter seien zu klein und zu wenige, die Stornierung nicht komfortabel. Kathrin Seiler gibt zu, dass gerade bei der IT einige „Kinderkrankheiten“ noch gelöst werden müssten.


Vieles ist bei Locomore noch im Fluss. Die Fahrpreise, die Themenbereiche - alles kann morgen anders sein. Kathrin Seiler: „Unsere Chance ist, dass wir als sehr kleines Unternehmen sehr flexibel sind, dass wir viele Dinge einfach ausprobieren können und schauen, ob es beim Kunden ankommt.“ Allerdings sei dafür Zeitdruck gegeben: „Wir müssen innerhalb der nächsten drei Monate schwarze Zahlen schreiben.“ Finanziert wurde Locomore durch eine Crowfunding-Kampagne. Rund 1.300 Menschen haben Locomore ein Darlehen gegeben und bekommen im Gegenzug eine Dividende in Form von Geld oder Fahrkarten. Auch wenn Kathrin Seiler betont „wir sehen die DB nicht so sehr als Konkurrenten, sondern uns eher als Ergänzung“ - entscheidend wird wohl sein, ob sich Locomore angesichts der günstigen Preise der Fernbusse und der regelmäßigeren und etwas schnelleren Fahrten der Deutschen Bahn etablieren kann.

 

Text und Fotos: Markus Weber

erschienen im Monatsmagazin printzip, Ausgabe 1/2017

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Terrell Felipe (Mittwoch, 01 Februar 2017 22:10)


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