Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen: „Das Anreizsystem ist falsch“

Dr. Eckart von Hirschhausen
Foto: Tim Ilskens

Was können wir im Beruf, im Alltag und im Alter - und vielleicht sogar im Schlaf -  für unsere Gesundheit tun? Darüber darüber sprach printzip-Redakteur Markus Weber mit Dr. Eckart von Hirschhausen. Es ging aber auch um die Rahmenbedingungen des Gesundheitsystems.

 

In Ihrem neuen Bühnenprogramm „Endlich!“ geht es um die Zeit. Ein wichtiger Teil davon ist bei vielen Menschen die Arbeitszeit. Wäre eine flexiblere Einteilung der Arbeitszeit (der Wochen- wie auch der Lebensarbeitszeit) von Vorteil für die Gesundheit der Menschen?
Eine flexiblere Einteilung wäre in den meisten Fällen sinnvoll, aber eben auch nicht in allen Berufsfeldern praktikabel. Viel wichtiger ist es für mich, motivierte Menschen nicht zu demotivieren. Das ist schon mal alles andere als selbstverständlich. Als Arzt interessiert mich das Thema seelische Gesundheit am Arbeitsplatz sehr. Unser Hirn funktioniert dann am besten, wenn wir mit Freude in unserem Element sind. Die Deutschen sagen zwar gerne: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das mag im Bergwerk gelten, aber wohl keiner, der dieses Heft liest, verdient sein Geld durch körperliche Anstrengung, sondern für geistige Leistung. The Brain runs on fun. Wenn Menschen beim Arbeiten kein Vergnügen haben, läuft etwas Grundsätzliches falsch.

 

"Sitzen ist das neue Rauchen."


Haben Sie ein paar Tipps, wie man auch während der Arbeit etwas für seine Gesundheit tun kann?
Sitzen ist das neue Rauchen. Wir bewegen uns einfach viel zu wenig. „Sport“ klingt für viele schon unerreichbar. Es reicht, sich im Alltag und bei der Arbeit jede Stunde mal fünf Minuten zu bewegen und vor die Tür zu gehen – am besten ohne Zigarette. Längere Telefonate führe ich inzwischen im Gehen. Einmal um den Block. Da kommt man schnell auf die 3.000 Extra-Schritte und 15 Minuten Bewegung am Stück, die einen bereits vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Deshalb heißen die Dinger ja auch „Mobil“-Telefone!

Zur Zeit gehören auch die Erholung und der Schlaf. Sind die Uhrzeiten, zu denen die meisten Menschen arbeiten oder zu der die Schule beginnt, aus medizinischer Sicht die richtigen?
In meinem live Programm „Endlich!“, das ich am 5. März in Fulda in der Esperantohalle zeige, erzähle ich viel über die innere Uhr, wie sie tickt und wie wir sie aufziehen können. Wenn die äußere und innere Uhr sehr weit auseinander sind, ist das ungesund. Die Schlafenszeit sollte man zum Schlafen und zum Fettabbau verwenden. Ich habe gerade mit der 16 zu 8 Methode über 10 Kilo verloren – und vermisse sie kein Stück. Im Gegenteil, seit ich längere Essenspausen mache, fühle ich mich erleichtert – und 16 Stunden sind nicht so lang, wenn davon 8 Stunden Schlaf sind. Wer genau wissen will, wie die Methode funktioniert: in meiner neuen Zeitschrift „Hirschhausen Gesund Leben“ stehen die Details.

 

"Wir unterfordern viele Menschen nach dem Ende der Berufstätigkeit"


Viele Menschen hadern mit dem  Älterwerden. Was ist Ihr professioneller Rat, um „in Würde zu altern"?
Schmeißt eure Anti-Aging-Creme in die Tonne und seid stolz auf eure Lachfalten! Kümmert euch nicht so viel um euch, kümmert euch um andere - gebraucht zu werden hält jung! Engagiert euch, denn das Dümmste, was passieren kann, ist, dass Anti-Aging-Zeug wirklich funktioniert. Dein Körper wird jünger, aber dein Geist wird älter. Irgendwann hast du Alzheimer, kommst aber körperlich gerade zurück in die Pubertät. Du kannst wieder – weißt aber nicht warum. Ist das ein Lebenstraum?


Kann das Altern durch gesunde Verhaltensweisen verlangsamt werden?
In meinem Buch „Wunder wirken Wunder“ habe ich Studien zitiert, die klar sagen: 15 Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützen als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, bewegen, Gemüse, erwachsen werden und Kind bleiben. Wir unterfordern viele Menschen gerade nach dem Ende der Berufstätigkeit. Demenz lässt sich durch viele praktische Dinge aufhalten und verlangsamen: Bluthochdruck richtig erkennen und behandeln, Übergewicht reduzieren, beweglich bleiben. Klar. Mindestens so entscheidend ist aber das Gefühl, gebraucht zu werden, eine Aufgabe zu haben, an der Gesellschaft teilzunehmen und teilzuhaben. Wenn wir Mehrgenerationenhäuser, Alten-WGs und quartiernahe Pflege besser organisieren, bleiben Menschen auch mit dementiellen Erkrankungen viel länger dort, wo sie hingehören: In der Mitte der Gesellschaft.

Was kann man sonst noch dafür tun, um im Alter geistig fit zu bleiben?
Fangen Sie an zu tanzen! Oder am besten – hören Sie gar nicht erst auf damit! Für uns ist es ganz natürlich, sich zu Musik zu bewegen, das weiß jedes Kind und tut es automatisch. Eigentlich müssten wir im Erwachsenenalter nicht so mühselig tanzen lernen, wenn wir es uns nicht vorher abgewöhnt hätten. Und dabei ist Tanzen extrem gesund – auf ganz vielen Ebenen. Tanzen hält Leib und Seele jung, schützt vor Alzheimer und es geht für die meisten nicht um Leistung, sondern um voll im Moment zu sein, Sinnlichkeit, neues Lernen, Freude und Gemeinschaft zu teilen.

 

"Die schlechte Stimmung in den Krankenhäusern macht mir Sorgen"


Werfen wir einen Blick auf die politischen Rahmenbedingungen der Gesundheit. Sie haben öfter darauf hingewiesen, dass es zu wenige Pflegekräfte in Deutschland gibt. Was kann hier getan werden?
Die Ausbildung, die Wertschätzung, die Bezahlung, die Vereinbarkeit mit der Familie, die Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriere, die Akademisierung, die politische Lobbyarbeit mit einer verbindlichen Bundespflegekammer – die Liste ist für dieses Gespräch zu lang. Geschätzt fehlen heute schon 50.000 Pflegekräfte und in zehn Jahren werden wir 1,5 Millionen mehr Pflegebedürftige haben. Die Dramatik ist den wenigsten bewusst und betrifft früher oder später uns alle. Die schlechte Stimmung in den Krankenhäusern macht mir ernsthaft Sorgen. Ich kann die Kollegen und Pflegekräfte gut verstehen, die auf die Barrikaden gehen oder resignieren. Die Kürzungen am Personal sind desaströs, denn gerade Zeit und menschliche Zuwendung ist durch nichts zu ersetzen und darf nicht der Profitmaximierung unterliegen. Wenn eine Krankenschwester oder ein Altenpfleger für 40 Patienten in der Nacht da sein soll, ist das ein Skandal.

Sie haben in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung eine „Raffgier-Mentalität“ im Gesundheitsbereich in den letzten 20 Jahren beklagt. Können Sie dies erläutern? Wo sehen Sie die Ursachen?
Das rein ökonomische Denken geht am Kern der Idee des „Hospitals“ vorbei –ein Ort für Gäste. Das Wort „Charité“ kommt nicht von „Shareholder“, sondern von „Caritas“ – der Nächstenliebe, die in einem Patienten erst einmal den sieht, dem man Leiden lindern möchte, und kein DRG-Fall (Diagnosis Related Groups-System, diagnosebezogene Fallgruppen, Anm. d. Red.) und keinen Kunden. Das Anreizsystem ist falsch und dreht immer weitere kranke Spiralen, das weiß jeder, aber keiner traut sich, daran zu rütteln. Und was die sprechende Medizin angeht, braucht es viel stärkere Belohnung für Reden und Aufklären statt Röntgen und Operieren. Dafür würde ich auch an der Ausbildung der nächsten Generation ansetzen. Die Kommunikationsfähigkeiten sind die Basis der ärztlichen Tätigkeit. Sie könnte, wie an einigen holländischen Universitäten, bereits Teil der Zulassung zum Studium sein und zentraler Inhalt. Im Kleinen gibt es in Deutschland gute Initiativen, wie zum Beispiel die Trainings mit Schauspielern oder die Module „Arzt mit Humor“ in Leipzig.

 

 

Vor Ort:

 

Dr. Eckart von Hirschhausen mit "Endlich - Das Life! - Programm" am Montag, 5. März, um 20 Uhr in der Esperantohalle Fulda.

Eintritt: ab 35,75 Euro

Tickets: www.s-promotion.de

 

 

erschienen im Monatsmagazin printzip, Ausgabe 3/2018

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