In der Sackgasse

Die deutsche Autoindustrie kämpft mit Rückrufen, Strafzahlungen, Produktions- und Auslieferungsstopps und scheint bei der Elektromobilität den Anschluss zu verlieren.

 

Der heimischen Wirtschaft geht es scheinbar gut. In 2018 wird das Bruttoinlandsprodukt laut Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen. Die deutsche Automobilindustrie konnte 2017 gegenüber 2016 ihre weltweiten Absatzzahlen um 4,1 Prozent auf circa 16,5 Millionen Fahrzeuge steigern. Zu verdanken ist diese Entwicklung vor allem dem guten Absatz von Geländewagen, der um 25,7 Prozent zunahm. Und auch die obere Mittelklasse (12,4 Prozent) und die Oberklasse (14,6 Prozent) konnten nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) entsprechend zulegen, während es jeweils im Segment der Klein- und Kleinstwagen leicht Berg ab ging. Trotz Abgasskandal haben sich die Verkaufszahlen der „Schlachtschiffe“ also überraschend positiv entwickelt.

Insgesamt wurden weltweit 2017 rund 73,5 Millionen Personenkraftwagen sowie rund 23,8 Millionen Nutzfahrzeuge produziert. Die Deutschen sind prozentual also ganz ordentlich dabei. Doch da sind sie nicht alleine. Überraschend dürfte für viele nämlich sein: Im letzten Jahr machte Chinas Produktion mit 29,8 Prozent rund ein Drittel der weltweiten Produktion in der Automobilindustrie aus – Tendenz steigend.

Ausgerechnet die Fahrzeuge aus „deutscher Wertarbeit“, die in vergangenen Jahren die Statistik nach oben führten, sind nun zu großen Teilen nicht mehr zu verkaufen. Das liegt nicht primär am sich verändernden Geschmack der Kunden.

Es liegt vor allem daran, dass schlicht die gesetzlichen Rahmenbedingungen es nicht mehr zulassen.

ADAC: „Mit dem Kauf warten“

 
Ausgerechnet die Schlüsselindustrie der Deutschen wird von einer Entwicklung bedroht, die scheinbar nicht mehr aufzuhalten ist: dem Umweltschutz.

Der ADAC rät: „Wer weiterhin in städtische Umweltzonen fahren möchte, in denen neue Fahrverbote drohen, sollte sich für eine Alternative zum Diesel entscheiden oder aber mit dem Kauf eines Diesels noch warten, bis Fahrzeuge mit dem neuen Abgasstandard Euro 6d-TEMP bzw. Euro 6d verfügbar sind.“ Und genau das ist das Problem. Die deutschen Autobauer haben scheinbar gehofft, sie könnten mit ihrem Heer an Lobbyisten in Brüssel und Berlin die Politik dazu bewegen, die seit Jahren feststehenden, nun in Kraft getretenen gesetzlichen Anforderungen auszusetzen. Da haben sie sich geschnitten.

 

VW-Bus
Foto: Timo Pagana

 

Rückruf & Produktionsstopp


Bei Daimler wurde in 750.000 Fahrzeugen ein unzulässiges Abgasreinigungssystem eingebaut. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) musste ein Ordnungsgeld von 3,75 Milliarden Euro androhen und den Konzernchef ungewohnt forsch ins Ministerium zitieren. Mindestens 80.000 Daimler-Autos droht nun der Rückruf.

Von der Öffentlichkeit relativ unbemerkt haben die deutschen Autokonzerne die Produktion und Auslieferung ihrer größten Dreckschleudern eingeschränkt beziehungsweise sogar eingestellt.

BMW nahm im März 2018 seinen 7er mit Benzinmotor aus dem Programm. Auch die Modelle X1 20i, M3 und M550i sind betroffen. Für den Worldwide harmonized Light vehicles Test Cycle (WLTC)-Zyklus müssen Benziner mit Partikelfiltern nachgerüstet werden.

Bei diesem neuen Messverfahren zur Bestimmung der Abgasemissionen werden der tatsächliche Alltags-Verbrauch sowie dessen Schadstoff- und CO2-Emissionen zu Grunde gelegt. Keine Chance für Schummel-Software, die am Prüfstand die Werte schönt!

Für Porsche gab es im Mai die Horrormeldung, wonach der Verkauf von Neuwagen in Europa insgesamt eingestellt worden sei. Laut Porsche mache die Einführung der neuen Abgasgesetzgebung eine Umstellung der Modellpalette auf Ottopartikelfilter und eine Neutypisierung bis spätestens 1. September 2018 erforderlich.

Nach Angaben der „Automobilwoche“ vom 26. Mai 2018 wurde ein Produktions- und Auslieferungsstopp auch für wichtige Diesel-Modelle des übrigen VW-Konzerns verhängt. Für den 2,0 Liter TDI-Motor mit 190 PS, der im VW Passat, Passat Variant und Arteon verbaut ist, muss erst mal ein Software-Update entwickelt werden.

Auch bei Audi wurde eine illegale Abschalteinrichtung entdeckt. In der Folge wurde Anfang Mai die Auslieferung der betroffenen Modelle mit V6-Dieselmotor mit 200 KW gestoppt. Die Staatsanwaltschaft München lies Audi-Chef Rupert Stadler verhaften. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte dazu am 18. Juni: „Es gab Hinweise, dass die Gefahr einer Verdunkelungshandlung besteht. Und das hat zu dem Haftbefehl geführt.“

Eine Razzia nach der nächsten findet in den Konzernzentralen von Audi, BMW, Daimler, Porsche und VW statt. Was da noch zu Tage treten wird und mit welchen Konsequenzen die Betroffenen zu rechnen haben, lässt sich nur erahnen.

 

Marktverschiebung in den USA


Derweil dreht sich die übrige Welt weiter. In den USA überholt Neuling Tesla mit seinem reinem Elektro-Mittelklasse-Fahrzeug in der Verkaufsstatistik - trotz Produktionsproblemen - die klassischen Anbieter. Tesla setzte bereits im Mai mehr Exemplare seines Modell 3 ab als von der Mercedes C-Klasse, dem Audi A4 und der BMW 3er-Reihe in den Vereinigten Staaten als klassische Verbrenner verkauft wurden. Reichweiten-Verbesserung und Ausbau der Ladeinfrastruktur machen E-Mobilität weltweit immer spannender.
 

 

China bei E-Mobilität vorne


Während die Verkaufszahlen in diesem Segment hierzulande noch viel Spiel nach oben lassen, sieht das in anderen Ländern völlig anders aus. Herausragend ist dabei China. Inzwischen sind dort mehr als eine halbe Million Elektroautos unterwegs. Ab 2020 gilt in China eine verpflichtende Quote von 12 Prozent für elektrische Antriebsformen. Daneben gibt es finanzielle Anreize, um das Ziel auch zu erreichen. Staatliche Förderung ist allerdings an die Reichweite gekoppelt und entsprechend gestaffelt. Fahrzeuge, die keine 150 Kilometer schaffen, sind nicht mehr förderungsfähig. Ein E-Golf von VW mit seinen 190 Kilometern Reichweite (nach NEFZ) und ein BMW i3 mit je nach Ausführung 170 bis 280 Kilometern Reichweite sind nur noch knapp dabei. Elektroautos mit über 400 Kilometern werden dagegen mit einer Prämie von 50.000 Yuan, umgerechnet 6.300 Euro satt subventioniert.

Die deutschen Autobauer haben einige E-Fahrzeuge angekündigt, doch sind diese noch Jahre von der Markteinführung entfernt. Dieser Wettbewerbsnachteil, gekoppelt an den gigantischen Image-Schaden der letzten Jahre, lassen für die Zukunft Schlimmes erahnen. Ein merkwürdig anmutender Lichtblick könnte sein, dass Tesla für den Bau einer Gigafactory in Europa den Standort Deutschland als „erste Wahl“ bezeichnet. Dort können dann Fahrzeuge gefertigt werden, die den weltweiten Anforderungen der Zukunft entsprechen.

 

Timo Schadt

erschienen im Monatsmagazin printzip, Ausgabe Juli 2018

in36.de
Tesla Model 3 Treffen Fulda

 

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