Banana Yoshimoto:

Der See


Die junge Kunstmalerin Chihiro lebt in Tokio. Gerne beobachtet sie aus ihrem Fenster einen Nachbarn. Der hochbegabte Medizinstudent Nakajima wiederum beobachtet auch gerne seine Nachbarin. Sie winken sich fast jeden Tag zur Begrüßung, wenn sie sich auf der Straße treffen, gehen sie gemeinsam etwas trinken.
Nakajima übt auf Chihiro Faszination aus - durch seine körperliche Fragilität, die dennoch anziehend ist, seine Introvertiertheit, die ihn nicht daran hindert, den Kontakt mit Chihiro zu suchen. Als seine Besuche regelmäßiger werden, wird Chihiro klar, dass sich Anziehung in Verliebtheit wandelt.
Ihr Gefühl trügt sie jedoch nicht, dass etwas mit ihrem Freund nicht stimmt. Während Chihiro einen attraktiven Auftrag erhält, taucht sie in ihrem Privatleben stetig mehr in die Vergangenheit Nakajimas ein. Sehr anschaulich begegnet ihr diese, als sie gemeinsam Freunde Nakajimas besuchen, die an einem einsamen See leben. Mino und Chii sind wunderliche Menschen und zugleich die Brücke zu Nakajimas noch nicht überwundenen Leiden.
Unprätentiös und in einer schlichten Sprache erzählt Banana Yoshimoto in Der See aus der Perspektive der Chihiro. Trotz einer gewissen Gedämpftheit bleibt Yoshimoto sich dabei treu, indem es um ein ungewöhnlicheres Liebespaar geht, dessen familiärer Hintergrund trägt.
Eine unaufgeregte kleine Geschichte, die nicht fesseln will, da sie viel vom Nicht-Loslassen erzählt.
Diogenes | Zürich 2014 | 224 S. | 19,90 Euro

 

Philippe Djian:

Oh...


Michèle ist tough, neurotisch und macht vor einer Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin Anna, mit der sie eine Filmproduktionsfirma leitet, nicht Halt.
Als Michèle in ihrem eigenen Haus von einem maskierten Mann vergewaltigt wird, geht sie nicht zur Polizei, schiebt den brutalen Überfall zur Seite.
Zudem hat sie es schwer mit ihrem Sohn, der Mitte zwanzig sich bei McDonald’s verdingt, weil er seine Freundin, die das Kind eines anderen erwartet, versorgen will. Als dann ihr Ex-Mann Robert, mit dem sie die Vertrautheit der Jahre verbindet, eine Beziehung zur jungen Hélène unterhält, muss auch hier Michèles Fähigkeit zur Verdrängung herhalten. Wäre da nicht auch noch ihre überaus sexuell aktive Mutter, die von ihr nach wie vor erwartet, dass Michèle endlich ihren Vater im Knast besucht, wo er einsitzt, weil er in den achtziger Jahren etliche Kinder tötete.
Wie schön, dass zumindest Michèles Nachbar Patrick Schwung in ihr Leben bringt. Der bis dahin unauffällige Bankmanager ist den Sprung in eine neue Affäre wert. Doch dann stellt sich heraus, dass er „oh!“ ist.
Philippe Djian präsentiert seinen LeserInnen Michèles Gedanken- und neurotische Gefühlswelt in seinem aktuellen Buch Oh… zwar mit Punkt und Komma, aber ohne Leerzeile, geschweige denn Kapiteln. Somit schafft er Raum für das Innenleben seiner Ich-Erzählerin und somit für einen Schwall fast über 230 Seiten. Er konfrontiert auf diesen mit etlichen genauso schrägen postmodernen Typen, wie es Michèle eine ist.
Frisch erzählt mit einer Pointe inklusive.
Diogenes | Zürich 2015 | 240 S. | 19.90 Euro

 

Dennis Lehane:

The Drop - Bargeld


Dennis Lehane schreibt über die Mafia, schreibt über Menschen, schreibt über den sozialen Verfall und das nie eindimensional.
Clint Eastwood hat Lehanes Vorlage genauso verfilmt („Mystic River“) wie Martin Scorsese („Shutter Island“), und  Ben Affleck („Gone Baby Gone“).
The Drop – Bargeld lieferte die Vorlage für den letzten Film mit James Gandolfini. Aus dem Drehbuch, das einer Kurzgeschichte entsprang, hat Lehane – ganz nachhaltig – einen Roman gemacht, der unüberraschend in Boston spielt. Dort zieht der Barkeeper Bob Saginowski eine Pitbullwelpe halb tot aus einer Mülltonne und
lernt damit die Besitzerin der Tonne kennen und mögen.
Bob, regelmäßiger Kirchgänger, arbeitet seit zwanzig Jahren in Marvins Bar. Marvin, Bobs Cousin, gehört der Laden aber schon lange nicht mehr. Die tschetschenische Mafia hat ihn als Drop Bar übernommen. Dadurch dient sie als Depot für schmutziges Geld.  
Eines Nachts, alle Gäste sind weg, stehen zwei maskierte und bewaffnete Männer in der Bar. Nach dem Raub hat nicht nur Marvin, sondern auch Bob das Maß an Aufmerksamkeit voll: Sowohl Mafia als auch Polizei haben nun mehr als ein Auge auf die Bar und sie fordern – alle.
Bob wird klar, dass ihn seine Vergangenheit, seine Schuld einholt, doch mittlerweile hat er einen Hund – und eine Freundin.
Auch mit The Drop – Bargeld bringt Lehane Figuren und deren Lebensraum spürbar zum Lesenden. Die Figuren halten sich im Dunklen auf, haben aber das Licht, wie Bob Saginowski zeigt, keineswegs vergessen.
Diogenes | Zürich 2014 | 224 S. | 19,90 Euro.

 

Carlos Maria Dominguez:

Die Pfaueninsel


Carlos María Domínguez lässt sein Das Papierhaus mit einem Ende beginnen:
„Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung von Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emiliy Dickinson und wurde an der ersten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.“
Der Tod der Literaturprofessorin führt Blumas unbenannten Nachfolger, dem Ich-Erzähler, auf die Spur ihrer Liebschaft, nicht nur zu Büchern, sondern auch zu einem Mann nach Uruguay. Der braucht das Buch so sehr, dass ihm zu guter Letzt nichts anderes übrig bleibt, als ein Haus aus seiner Privat-Bibliothek zu bauen, das er verlassen kann.
Domínguez führt in eine Geschichte, die doppelbödig davon erzählt, wie Geschichten das Leben verändern. Diese tragische Hommage gelingt ihm auf überschaulichen 89 Seiten, die kein Wort mehr bedürfen.
Der Insel Verlag zollt diesem Kleinod aus dem  Jahr 2002 mit einer gebunden Neuauflage von Jörg Hülsmann illustriert und aus dem Spanischen von Elisabeth Müller übersetzt.
Insel Verlag | Berlin 2014 | 89 S. | 12 Euro

 

Lavanya Sankaran:

Die Farben der Hoffnung


Bangalore der Gegenwart: Der Geschäftsmann Anand lebt seinen Traum – augenscheinlich. Als er mit seiner Firma auch räumlich expandieren will, breitet sich der zwischenmenschliche und politische Die Pfaueninsel, ein verwunschenes Eiland zwischen Berlin und Potsdam, diente den preußischen Herrschern für Allerlei. Als Maria Dorothea Strakon und ihr Bruder Christian mit zarten, wenn auch deformierten Kindesbeinen die Insel betreten, ist dem Schlossfräulein keineswegs klar, dass sie damit den Ort des Schutzes sowie der Verbannung beinahe für ihr ganzes Leben erreicht. Marie und Christian sind kleinwüchsig; erstere wird nie die 1,25 Meter überwachsen. Für die kleine Strakon wird ihre physische Erscheinung zum Traumata, als sie 1810 auf der Pfaueninsel die junge Königin Luise trifft, die dies schreiend mit „Monster!“ kommentiert. Dieser Ausruf entwickelt sich für die Waise zum Selbstbild, das sie durch ihre tiefe Liebe zu Gustav, dem Neffen des Hofgärtners bestätigt sieht.

 

Wer nun denkt, Thomas Hettches Pfaueninsel beschränke sich auf die Geschichte eines Freaks gebettet im historischen Roman, hat weit gefehlt. Hettche, der mit diesem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist es wunderbar einnehmend gelungen, eine bitter-traurige Liebesgeschichte in einen Lebensweg zum implementieren, der durch den Erzähler nach links und rechts, oben und unten schauen lässt, auch wenn der Schauplatz - die Künstlichkeit der Pfaueninsel - kaum verlassen wird. Es sind die Blicke, die regelrecht von ihren Rändern gewagt werden und dabei Architektur, Gartenkunst und technischen Fortschritt in einem Zeitfenster von 1810 bis 1880 als Rahmen bilden.

 

Historie und Fiktion überschneiden sich, fließen ineinander und stets bleibt Marie Fixpunkt des Geschehens. Hettche changiert zwischen Auftritten des populären Gartenbaumeisters Peter Joseph Lenné, der Aufzählung exotischer Tiere, die die Pfaueninsel bewohnen, einem beinahe sinnlich wahrnehmbaren Exkurs in die Kochkunst und sexuellen Ausflügen, die von Begierde sowie  Verschluss derselben erzählen. Als wäre das noch nicht genug, webt er nahezu unbeschrieben den Verlust eines Kindes aus Sicht der Mutter ein und gestaltet völlig unaufgeregt ein asymme-trisches Wiedersehen zwischen den beiden viele Jahre später. Hettche garniert seine an Herz und Nieren gehende Geschichte mit gut platziert erzählerischen Kniffen und Auslassungen, die er dann mitunter als Trivialität des wenig Entscheidenden, auch wenn sie ein Leben mit ausmacht, anreißt und somit demaskiert. Ein Lesevergnügen!                

KiWi  | Köln 2014 | 352 S.  | 19,99 Euro

 

Thomas Hettche: Pfaueninsel

Die Pfaueninsel, ein verwunschenes Eiland zwischen Berlin und Potsdam, diente den preußischen Herrschern für Allerlei. Als Maria Dorothea Strakon und ihr Bruder Christian mit zarten, wenn auch deformierten Kindesbeinen die Insel betreten, ist dem Schlossfräulein keineswegs klar, dass sie damit den Ort des Schutzes sowie der Verbannung beinahe für ihr ganzes Leben erreicht. Marie und Christian sind kleinwüchsig; erstere wird nie die 1,25 Meter überwachsen. Für die kleine Strakon wird ihre physische Erscheinung zum Traumata, als sie 1810 auf der Pfaueninsel die junge Königin Luise trifft, die dies schreiend mit „Monster!“ kommentiert. Dieser Ausruf entwickelt sich für die Waise zum Selbstbild, das sie durch ihre tiefe Liebe zu Gustav, dem Neffen des Hofgärtners bestätigt sieht.
Wer nun denkt, Thomas Hettches Pfaueninsel beschränke sich auf die Geschichte eines Freaks gebettet im historischen Roman, hat weit gefehlt. Hettche, der mit diesem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist es wunderbar einnehmend gelungen, eine bitter-traurige Liebesgeschichte in einen Lebensweg zum implementieren, der durch den Erzähler nach links und rechts, oben und unten schauen lässt, auch wenn der Schauplatz - die Künstlichkeit der Pfaueninsel - kaum verlassen wird. Es sind die Blicke, die regelrecht von ihren Rändern gewagt werden und dabei Architektur, Gartenkunst und technischen Fortschritt in einem Zeitfenster von 1810 bis 1880 als Rahmen bilden.
Historie und Fiktion überschneiden sich, fließen ineinander und stets bleibt Marie Fixpunkt des Geschehens. Hettche changiert zwischen Auftritten des populären Gartenbaumeisters Peter Joseph Lenné, der Aufzählung exotischer Tiere, die die Pfaueninsel bewohnen, einem beinahe sinnlich wahrnehmbaren Exkurs in die Kochkunst und sexuellen Ausflügen, die von Begierde sowie  Verschluss derselben erzählen. Als wäre das noch nicht genug, webt er nahezu unbeschrieben den Verlust eines Kindes aus Sicht der Mutter ein und gestaltet völlig unaufgeregt ein asymme-trisches Wiedersehen zwischen den beiden viele Jahre später. Hettche garniert seine an Herz und Nieren gehende Geschichte mit gut platziert erzählerischen Kniffen und Auslassungen, die er dann mitunter als Trivialität des wenig Entscheidenden, auch wenn sie ein Leben mit ausmacht, anreißt und somit demaskiert. Ein Lesevergnügen!            
KiWi  | Köln 2014 | 352 S.  | 19,99 Euro

 

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

In den Bergen Mexikos lebt Ladydi. Ihre Mutter wählte den Namen nicht, um der Schönheit und Grazie der toten Prinzessin zu huldigen. Nein, er soll die Schande mahnen. So wie Prinz Charles Lady Di verließ, verlassen auch die Männer ihre Frauen in den Bergen. Sie versuchen in die USA zu gelangen. Anfänglich besuchen sie ihre zurückgebliebenen Familien, schicken ihnen Geld. Anfänglich, und dann bleiben sie weg.
Ladydis Vater ging ebenfalls. Verließ seine Frau, seine Tochter, seinen Job als Barkeeper in einem Hotel in Acapulco. Er ließ Maria als Erinnerung zurück. Maria, Ladydis Freundin mit der Hasenscharte, sieht Ladydis Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Alle wissen warum, außer Maria. Sie ist die einzige in der Einöde, die von ihrer Mutter aufgrund ihres äußerlichen Makels nicht hässlich gemacht und versteckt werden muss. Für sie gibt es kein ausgehobenes Loch in der Erde. Ladydi hingegen versteckte sich in solch einem, als Männer in einem der großen Esclades kamen, um sie zu holen. Paula, ihre wunderschöne Freundin Paula, hat es nicht mehr geschafft bis ins Loch. Irgendwie konnte sie sich aber wieder aus den Fängen des Drogenbarons McClane befreien und zurückkehren. Seitdem füttert ihre Mutter sie aus der Flasche.
Als Ladydi und ihre Freundinnen mit der Schule fertig sind, verlaufen sich ihre Wege. Ladydi soll von Marias Bruder zu einer reichen Familie in die Stadt gebracht werden, um als Kindermädchen zu arbeiten. Auf dem Weg dorthin hält Mike an. Er geht zu einem Mann in eine Hütte, vor der Mädchenkleider im Wind flatternd trocknen. Mike verlässt die Hütte mit Blut bespritzt und fährt die schweißnasse Ladydi zu ihrem zukünftigen Arbeitsplatz. Dort wird sie nie ein Kind hüten, denn die reiche Familie ist mittlerweile tot. Die Angestellten wohnen weiterhin auf dem luxuriösen Anwesen. Ladydi bezieht mit Julio, dem Gärtner, das elterliche Schlafzimmer und sie erfährt, wie es sich anfühlt, auf Marmor zu laufen. Unter ihrer Matratze im Dienstmädchenzimmer liegt nach wie vor ein Paket, um das Mike sie bat es aufzuheben.
Eines Tages steht die Polizei vor dem Haus, holt das Heroin unter Ladydis Matratze hervor und bringt sie ins Gefängnis. Sie wird beschuldigt, McClane samt seiner kleinen Tochter in einer Hütte getötet zu haben.
Im Gefängnis trifft Ladydi auf Frauen, die sich teils ihrer Verbrechen nicht schämen, sondern stolz auf sie sind. Die Frauen im Knast beschäftigen sich hauptsächlich mit der Schönheitspflege, die ihnen zuvor verwehrt blieb. Lange Fingernägel werden lackiert, Haare getönt und die Gesichter geschminkt. Doch dann kommt Ladydis Mutter aus den Bergen, um ihre siebzehnjährige Tochter aus dem Gefängnis zu holen.
Zehn Jahre lang sprach Jennifer Clement mit Frauen, die unmittelbar von Gewalt betroffen sind. Daraufhin ist es ihr mit „Gebete für die Vermissten“ gelungen, mittels Literatur die reale Lebenssituation von Menschen eindringlich zu vermitteln. Eine tragische Geschichte, deren roter Faden nicht der mexanische Mohn, sondern die Widerstandkraft der Frauen ist.
Die Abbildung unten macht mit wenigen Zahlen die dramatische Situation in Mexiko deutlich.
Suhrkamp | Berlin 2014 | 229 S. | 19,95 €

 

Quelle: Suhrkamp
Quelle: Suhrkamp

Charlotte Parsons: Du sollst nicht schlafen

In London geht der sogenannte „Barbie-Killer“ um. Die ehrgeizige Journalistin Cynthia ist ganz nah an dem Fall dran, nicht zuletzt durch ihre guten Kontakte zur Polizei. Mit ihrem Riecher samt Zielsicherheit sieht sie schon die Beförderung. Doch da schwemmt ein neues Medikament auf den Markt: 24/7 oder Niton genannt lässt in Gänze auf Schlaf verzichten. Im engmaschigen Leben in London kommt das vielen wie gerufen. Endlich ausreichend Zeit für Überstunden und Privatleben. Menschen, die dieses Mittel einnehmen, nennen sich Shifters. Nichts kann sie aufzuhalten, denn Niton scheint nebenwirkungsfrei, abgesehen von dem Auftreten von Augenringen. Die wirken fortan nicht unattraktiv, sondern sind ein für alle wahrnehmbares Zeichen, dass man dazu gehört – kein Schläfer ist, der ein Drittel seines Lebens wegschmeißt.
Charlotte Parsons ist ein besonders spannender Thriller gelungen, der einen nicht schlecht konstruierten Fall mit der interessanten Vorstellung nicht mehr schlafen zu müssen verbindet. Das Sahnehäubchen steckt allerdings in der damit geschickt verwobenen Gesellschaftskritik. Die wird intelligent untermauert durch die Kritikfähigkeit der Cynthia, aber auch durch ihren Wankelmut, bedingt durch den Druck der Masse.
An Raffinesse verliert „Du sollst nicht schlafen“ auf den letzten Seiten und kann sich somit gerade noch dem Attribut perfekte Unterhaltung entziehen.
dtv | München 2014 | 384 S. | 9,95 Euro

 

Joey Goebel: Ich gegen Osborne

In seinem vierten Roman richtet Joey Goebel sein Augenmerk auf den Kampf gegen den Hedonismus. Den führt James Weinbach in der Highschool namens Osborne bisher eher verhalten und abgegrenzt in Abscheu vor den Verhaltensweisen seiner Mitschüler. Einzig mit Anzug und Krawat-te führt er täglich vor, nicht dazu gehören zu wollen.
Als die Schule nach dem Spring Break – die amerikanische Ballermann-Variante des Frühlings – beginnt, ist James Vater nach langer Krankheit wenige Tage zuvor gestorben.
James Katastrophentag beginnt aber damit, als er erfahren muss, dass seine große Liebe während des Spring Breaks neben einer „Fließband-Nummer“ sich ebenso „Hamilton Sweeney, eine zentrale Gestalt der Osborne-Hipsterelite“, unter den Nagel riss. Wo doch er „der ungekrönte König aller Bumser“ für James und seine Freundin bisher nur Hohn und Spott wert war.
Goebel widmet jeder einzelnen Unterrichtsstunde von James ein Kapitel und beschreibt anhand eines Tages „Die Dumme Große Hurerei“, wie es James in seinem ersten Roman bezeichnet. Damit meint der 19-Jährige den Kapitalismus, der sich mit Pop, HipHop, Spaß, Oberfläche und Coolsein paart. Diesen Ausdruck beobachtet er, der selber gerne Schwarzweißfilme sieht, nach der Schule schlafen geht, um anschließend auf den Läufer vor seinem Bett zu starren, tagtäglich an seinen Mitschülern. Als er nun seine große Liebe schwinden sieht und auch noch ein Auszug seines Romans im Kurs „Kreatives Schreiben“ zerrissen wird, eruptiert James Gemütsverfassung.
Neben einer Gesellschaftskritik, die sich konzentriert an einer amerikanischen Highschool aufdecken lässt, hat „Ich gegen Osborne“ insbesondere das tiefe Bedürfnis nach Anerkennung und Beachtung des Menschen zum Thema. Der Umgang mit diesem Bedürfnis erklärt ebenso das Schwimmen mit der Masse wie den Außenseiter, hier in der Figur des James. Der scheitert jedoch nicht an dieser Rolle und auch nicht an diesem Tag, sondern begreift seine Inszenierung letztlich genauso wie die seiner Mitmenschen.
„Ich gegen Osborne“ ist zwar nicht so politisch wie sein Vorgänger „Heartland“, doch Joey Goebel schafft es abermals, sonderbare Typen glaubhaft als einnehmende Antihelden zu vermitteln.
Diogenes | zürich 2013 | 316 S. | 14,80 Euro

 

David Vann: „Dreck“

Der aus Alaska stammende David Vann schafft es auf bedrückende Art Tragödien, die aus familiären, aus elterlichen Beziehungen erwachsen, derart eindringlich darzustellen, das sie stets der totalen Demaskierung gleichkommen.
Zurzeit lebt der Autor in Kalifornien, wo er auch seinen aktuellen Roman „Dreck“ verortet. Auf den brennt die Sonne erbarmungslos und doch meint Galen in ihm seine kontemplative Erlösung zu finden.
Galen ist 22 Jahre und lebt mit seiner Mutter und wenig Geld aus dem Familienvermögen abgeschieden auf einer Walnussfarm. Galens Alltag ist für ihn unerträglich gleichförmig. Die täglichen Besuche bei der dementen Oma, die ins Pflegeheim abgeschobenen wurde, gelten als trauriges Highlight. Die emotionale Abhängigkeit seiner Mutter von Galen erfährt immer wieder durch die Besuche von Tante und Cousine einen Aufbruch. Nicht zuletzt da die 17-jährige Jennifer die sexuellen Begierden ihres „Freak“-Cousins sadistisch für sich zu nutzen weiß. Galen hingegen bietet sie so letztlich Projektionsfläche für das Verhältnis zu seiner Mutter. Als die Jennifer und Galen in flagranti erwischt, eskaliert die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, zwischen der Sehnsucht nach Nähe und dem existentiellen Bedürfnis nach Ablösung. Galens Mutter will ihn Gefängnis stecken wegen Verführung oder gar Vergewaltigung einer Minderjährigen. Galen sieht sich in der Falle. So schafft er stattdessen nicht ganz freiwillig ein Gefängnis für seine Mutter. In ihrer Gefangenschaft sucht er seine Freiheit, die Erlösung von ihr mit Hilfe des kalifornischen Drecks.
Konsequent, unerträglich, dennoch nicht frei von humoresken Anleihen zieht David Vann auch mit „Dreck“ schonungslos in den selbigen der menschlichen Handlungsunfähigkeit. Die gilt es bis zur letzten Seite zu ertragen, um somit einen literarischen Verlust zu umschiffen.
Suhrkamp | Berlin 2013 | 296 S. | 19,95 Euro

 

Philippe Besson: „Venice Beach“

Der in Florida platzierte Roman des französischen Autors Philippe Besson könnte als Krimi durchgehen. Es gibt einen Mord, der namenlose Hauptprotagonist ist bei der Polizei und ermittelt in diesem Fall, dem ein drogensüchtiger Prostituierter zum Opfer fiel. Die Ermittlungen führen zu dem berühmten Schauspieler Jack Bell. Zwischen den beiden Männern liegt eine leichte Spannung in der Luft. Jack Bell ruft kurze Zeit später an. Er will den Cop wiedersehen.
Besson nutzt das Gerüst des Polizeiromans, um die Geschichte einer Amour fou sehr intensiv aus der Ich-Perspektive zu erzählen. Dass dabei der Erzähler ohne Namen bleibt, verdeutlicht einerseits dessen Selbstentdeckungsreise, denn bisher vermied er Erkenntnis bringende Selbstreflektion. Andererseits bildet das einen Kontrast zu der gnadenlosen Offenbarung seiner Emotionen, die den beschriebenen Geschehnisse einen dicken Kern geben.
Emotionen sind es auch, die die große Wendung in das wohlstrukturierte und im Grunde befriedigende Leben eines Menschen bringt. Eine Wendung, die voller Tragik ist, gespeist durch Irrationalität. Aber genau diese Hingabe an die Begierde, die fast Obsession ist, führt das Unentdeckte, Neurotische vor Augen.
Besson beeindruckt in „Venice Beach“ damit, dass er Gedanken, die einem gern in langen Sätzen durch den Kopf geistern, um sofort wieder zu verschwinden, wie selbstverständlich einfängt und strukturiert wiedergibt. Das macht dieses intime, dennoch anonmye Geständnis aus, bar jedem Voyeurismus.
dtv Premium | München 2012 | 180 S. | 14,90 Euro

 

Anthony McCarten: „Ganz normale Helden“

Die Familie Delpe hat sich seit dem Tod des jüngsten Sohnes Donald nicht mehr viel zu sagen. Mutter Renata flieht in tiefe Trauer. Vater Jim möchte wieder anfangen zu leben und ist dabei einen Traum zu realisieren: ein Haus auf dem Land.
Der 18-jährige Jeff ist seit des Bruders Krebstod meistens online. Sein virtuelles Domizil heißt Life of Lore - kurz Lol. Dort ist er ein großer Kämpfer, der als Mentor und Kunsthändler reales Geld verdient. Von seinem Offline-Leben hat er genug: Seine Eltern sind Kontrollfreaks. Also sucht er das Weite und taucht unter.
Während Renata verzweifelt etliche Suchaktionen startet, dringt Jim in die Online-Welt ein und fahndet dort mit seinem Avatar AGI nach Jeff.
Die geheime Suche übt schnell eine Sogwirkung auf ihn aus. In Lol wird er zum Fighter, tötet zur Not Kinder und lernt die sexy Kayla kennen. Währendem chattet Renata regelmäßig mit „ihrem Gott“ auf einer Seite für Online-Beichten. Befindet sich die Familie Delpe endgültig in der Auflösung?
Mit „Ganz normale Helden“ knüpft Anthony McCarten an seinen Roman „Superhero“ an, der die Geschichte des verstorbenen Donald Delpe erzählt. Der verbleibende Rest der Familie bietet dem neuseeländischen Autoren ein Gerüst, um eine Geschichte über einige mögliche Wirkungen der Internetnutzung zu beschreiben. Das gelingt ihm teils mit superben Schilderungen und Analysen. So erweist sich sein brandneuer Roman als intelligente feinsinnige Gegenwartsbeobachtung. Zudem unterhält diese Geschichte trotz oder gerade aufgrund tiefer Einblicke in menschliche Abgründe, die McCarten originell und voller Einfallsreichtum fesselnd beschreibt.
Diogenes | Zürich 2012 | 464 S. | 22,90 Euro

 

David Vann: „Die Unermesslichkeit“

Gary und Irene bauen eine Hütte auf einer kleinen Insel vor Alaska in ihrer Empty-Nest-Phase. Es soll eine letzte Chance sein, um ihre Beziehung zu kitten. Ein Trugschluss, denn Irene macht das, was sie in dieser Ehe immer häufiger tut: Garys Bedürfnissen nachkommen, aber unter Protest.
Für Gary ist die Hütte ein lang gehegter Traum, den er jetzt eigentlich ohne Irene leben will. So nimmt er sich vor, den kommenden Winter mit seiner Ehefrau zu verbringen, um dann endlich zu gehen.
Irene motzt und mäkelt beim Hüttenbau an Gary herum. Doch verfällt sie immer wieder in langes Schweigen, denn sie hat permanente Kopfschmerzen. Die Ärzte können keine Ursache dafür finden. Ihre Tochter Rhoda macht sich große Sorgen um ihre Mutter und kann in ihrer Sorge nur intuitiv erfassen, dass in ihrer eigenen Beziehung auch etwas nicht stimmt, denn ihr Freund, ein betuchter Zahnarzt, betrügt sie.
David Vann verarbeitet in „Die Unermesslichkeit“ Motive, wie man sie aus „Im Schatten des Vaters“ kennt. Da ist die Wildnis Alaskas, in die sich Menschen flüchten und unausweichlich dramatisch ihrer Wahrheit näher kommen. Da ist das Verlassen und Verlassenwerden, wie durch den Suizid eines Elternteils, was der Autor selbst erlebte.
Es geht vordergründig um die Beziehung zwischen Frauen und Männern. Im Hintergrund speist sich die Prägung derer, nämlich die Beziehung zwischen Kind und Elternteil subtil und tiefgründig ein. Die Auseinandersetzung zwischen den Menschen findet isoliert, in den Gedanken der jeweiligen Protagonisten statt, was hervorhebt, wie die Distanz der jeweiligen Beziehungen bestehen kann. Das alles bettet David Vann in Naturbeschreibungen, die die Einsamkeit des Individuums vortrefflich untermalen. „Die Unermesslichkeit“ bietet mehrere Lesarten an, was dieses Buch interessant macht.  
Suhrkamp, Berlin 2012, 351 S., 22,95 Euro

 

Amélie Nothomb: „Den Vater töten“

Joe wollte immer nur zaubern. Als Jüngling von der Mutter des Hauses verwiesen, gelangt er zum großen Magier Norman. Der nimmt den Jungen auf, ist ihm zugleich Meister und Vater und begeistert von Joes Fertigkeit. Der ist ein besonderer Junge, der Norman dadurch immer wieder verwundert, jedoch nie abstößt. Ganz so wie es zwischen Vater und Sohn sein sollte.
Joe hingegen verliebt sich abgrundtief in Normans Frau, die Feuertänzerin Christina. Er verfällt der grazilen Ausnahmeartistin und setzt sich in den Kopf, dass er mit ihr zusammen kommen wird und sei es nur für eine Nacht. Nach Jahren ist diese gekommen. Beim Burning Man Festival in der Black-Rock-Wüste in Nevada finden die beiden zueinander. Allerdings ist Christina auf LSD. Obwohl Norman die beiden im Sand liegend antrifft, ist seine Liebe als Vater noch immer nicht gestorben…
„Den Vater töten“ von der Bestseller-Autorin Amélie Nothomb ist eine fiese Ödipus-Komplex-Variante. Der böse Kern des Plots demaskiert den Sohn als Schuldigen, der wenig Sympathie erwecken kann. Aus der Feder Nothombs - trotz Magie und Wüsten-Festival – fällt das aber nicht überaus schillernd und exotisch aus, sondern schlichtweg tragisch. Bei der Erklärung des Feuertanzens flammt jedoch kurz Nothombs Passion auf, das Besondere zu beschreiben, was den Wunsch nach mehr weckt.
Alles in allem ist „Den Vater töten“ eine überaus tragische Geschichte, die Menschen, wie den vernünftigen Norman, fassbar emotional und verletzlich zeichnet, was für Amélie Nothomb in solch einer Konsequenz ein Novum ist.
Diogenes, Zürich 2012, 128 S., 18,90 Euro

 

C. S. Forester: Gnadenlose Gier

London in den 1920er Jahren. Drei Angestellte einer Werbeagentur nahmen Bestechungsgelder an. Drahtzieher Charlie war sich seiner Sache so sicher, aber machte seine Rechnung ohne den Büroleiter. Der korrekte Harrison will nun den Agenturbesitzer informieren, sobald dieser im Büro auftaucht.
Charlie, Reddy und Oldroyd blicken bereits Arbeitslosigkeit und Armut panisch entgegen. Indes fragt sich Charlie, was wäre, wenn Harrison keine Möglichkeit hätte, die Drei anzuschwärzen? So überredet er seine Kollegen zum Mord, den er schnell, aber gut plant. Die Umsetzung funktioniert nahezu reibungslos, dennoch – seine Kollegen kommen mit den Geschehnissen nicht klar. Und Charlie springt in eine Spirale der Vernichtung, als wäre das voll und ganz legitim.
C(ecil) S(cott) Forester (1899-1966) studierte Medizin am Londoner Guy‘s Hospital, brach das Studium ab und machte das Schreiben zum Beruf. In Deutschland machte sich der Autor vor allem durch seine weltweit erfolgreichen Abenteuerromane um den Marinehelden Horatio Hornblower einen Namen. Große Erfolge feierte er ebenso mit seinen psychologisch gestrickten Krimis, zu denen Gnadenlose Gier zählt, nun in einer neuen deutschen Übersetzung von Britta Mümmler erschienen. In diesem Krimi entspricht der Fall vielmehr der Beschriebung eines Menschen, der sich zum Mörder entwickelt, der seine Motive für sich gnadenlos kreiert. Dabei erfahren die Lesenden der Gegenwart nebenher etwas über die analoge Arbeitsweise einer Werbeagentur und erhalten einen wenig aufbauenden Blick in die englische Gesellschaft dieser Zeit.    
(dtv | München 2014 | 260 S. | 14,90 Euro)

 

Lindsay Faye: Der Teufel von New York

New York, 1845: Timothy Wilde arbeitet in einer Bar. Er kennt sich gut mit Menschen aus, schließlich erzählen sie ihm, dem Barmann, so gut wie alles.
Nachdem ein verheerender Brand in seinem Block am Hafen wütete, steht Timothy ohne Job, Bleibe und Erspartem, aber mit einer verbrannten Gesichtshälfte da. Sein ihm recht verhasster älterer Bruder Valentine hilft ihm, wie er es schon immer tat, seit die Eltern der beiden bei einem Brand umkamen. So landet Tim bei der neugegründeten Polizei von New York.
Eines Abends läuft ihm ein Mädchen über den Weg, nur bekleidet mit einem blutbefleckten Nachthemd. „Bird“ nennt sich die Kleine und es dauert nicht lange, da taucht eine Kinderleiche auf und Timothy hebt durch Birds Hinweise ein Massengrab am Rande New Yorks aus. Dutzende tote Kinder befinden sich darin.
Lindsay Faye ist mit Der Teufel von New York ein packender Thriller gelungen, der kurzweilig einen tiefen historischen Blick ermöglicht. Besonders charmant ist das Einfließen der Gaunersprache „Flash“, die von Teilen der Bevölkerung New Yorks im 19. Jahrhundert verwendet wurde.
Auch mit ihrer Hauptperson Timothy Wilde kann Faye punkten: Ein vom Leben gezeichneter Charakter, der Herz und Verstand hat. Aber das Beste ist, Der Teufel von New York ist Wildes erster Fall und der nächste  – „Die Entführung der Delia Wright“ - darf mit Spannung erwartet werden.
dtv | München 2014 | 480 S. | 15,90 Euro

 

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