Bad Hersfelder Festspiele 2017

Mi

02

Aug

2017

Italienische Nacht in der Stiftsruine

Auf eine Reise in die italienischen Opern luden die Bad Hersfelder Festspiele. Höhepunkte aus großen Opern von Verdi, Puccini, Bellini und Donizetti bildeten einen guten Einstieg in diesen Kosmos, z.B. "Casta Diva" aus Norma (Bellini), Verdis Gefangenenchor aus Nabucco, den der Chor auf den Treppen zwischen den Zuschauern aufführte, Szenen aus Puccinis Tosca oder als Abschluss "Brindisi" aus Verdis La Traviata.

 

Corinna Pohlmann, die auch in Hexenjagd und Martin Luther - Der Anschlag zu sehen ist, führte durch den Abend, in dem sie als Erzählerin 19 Szenen aus 10 Opern zu einer neuen, freilich nicht immer ganz logischen Geschichte zusammenfügte. Sie ordnete die Handlungen und Rollen der Beteiligten frei nach ihrem Belieben, unterbrach, wenn es doch etwas zu melodramatisch wurde, hatte lakonische Kommentare und bissige Erläuterungen parat und sorgte dafür, dass der Abend immer mit einem Augenzwinkern verlief und schließlich doch noch glücklich endete - selten für eine Oper.

 

Im Endeffekt ging es aber natürlich vor allem um die Musik. Zu sehen und hören waren Nadja Stefanoff (Sopran - sie wurde bei der Aufführung am 1. August mit besonders großem Applaus bedacht), Zurab Zurabishvili (Tenor), Kwang-keun Lee (Bariton - er kam erst kurzfristig dazu, nachdem ein anderer Solist ausgefallen war), der Hessische Konzert- und Festspielchor, Mitglieder des Landesjugendchores Hessen und das Orchester Virtuosi Brunenses.


Heute, am 2. August, ist ab 20 Uhr noch einmal Italienische Nacht in der Stiftsruine.

Infos: http://www.bad-hersfelder-festspiele.de/konzerte/italienische-nacht.html

Tickets (ab 29 Euro): 06621 / 640200, ticket-service@bad-hersfelder-festspiele.de

 

Markus Weber

Di

01

Aug

2017

Hexenjagd

Gerüchte, die sich festsetzen und sich ausbreiten, ohne auch nur im geringsten Fakten zu entsprechen: Das Thema von Hexenjagd tritt in der diesjährigen Inszenierung noch etwas stärker hervor als letztes Jahr. Ist es wegen einiger Akzentuierungen, die vorgenommen wurden – oder ist es vielleicht stärker, weil das Thema „Fake News“ dieses Jahr so sehr in der Öffentlichkeit steht?

Regisseur und Intendant Dieter Wedel versteht es jedenfalls, aktuelle Bezüge zu betonen und das Zeitlose hervorzuheben. Die Handlung des Theaterstücks, in der Menschen wegen Hexerei hingerichtet werden, beruht auf realen Ereignisse von 1692. Sie ist sicherlich schon in den USA der 1930er Jahre, wo Wedel die Inszenierung ansiedelt, ein Anachronismus. Allerdings sind die Grundmechanismen auch auf heute übertragbar: Die Welle von Lügen, Verdächtigungen und Anschuldigungen, die sich steigert in Hysterie und Verfolgungswahn oder der Glaube an dunkle Mächte.

 

Die Eingangssequenz wurde gegenüber 2016 leicht geändert, so dass der Faktor der Gerüchte und ihrer Verbreitung stärker hervortritt. Außerdem wird auch die Motivation des reichen Putnam klarer, dem die Anschuldigungen sehr gelegen kommen und der sie anstachelt. Christian Nickel als John Proctor ist in dieser Saison wahrlich omnipräsent und überragt schauspielerisch die Festspiele. Statt André Eisermann spielt Tilo Keiner den Pastor Parris – dank der Maske ähnlich im Erscheinungsbild, doch etwas weniger mit der gewissen zur Rolle passenden Trotteligkeit agierend. Motsi Mabus wird im Juli von ihrer Schwester Otlile vertreten.

 

Auch wenn die Inszenierung ansonsten im Großen und Ganzen die selbe bleibt und nicht mehr so stark den Reiz des Neuen hat: Wer noch nicht die Chance hatte, Hexenjagd bei den Bad Hersfelder Festspielen  zu sehen, sollte es nachholen. Am 11. August 2017 wird sie das letzte mal aufgeführt.      

 

Weitere Infos und Aufführungstermine: http://www.bad-hersfelder-festspiele.de/spielplan/hexenjagd.html                         

Tickets (ab 29 Euro): 06621 / 640200, ticket-service@bad-hersfelder-festspiele.de

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt und Markus Weber

erschienen im printzip August 2017

 

Mo

24

Jul

2017

Titanic

Ein monumentales Musical über einen monumentalen Untergang in der monumentalen Kulisse der Stiftsruine. Zugegeben, bei dem Musical Titanic konnte eigentlich nicht viel schiefgehen. Dennoch beeindruckt die Inszenierung von Stefan Huber bei den diesjährigen Bad Hersfelder Festspielen nachhaltig.

Das Musical, das vor dem Film mit Leonardo di Caprio entstand, wurde 1997 in fünf Kategorien beim Tony Award, dem „Musical-Oscar“, ausgezeichnet.

Es erzählt von den Umständen, die zum Untergang des „größten beweglichen Objekts aller Zeiten“ und zum Tod von über 1000 Menschen führten - etwa von der Profitgier der Schiffahrtgesellschaft, die weniger als die Hälfte der benötigten Rettungsboote eingebaut hatte, um mehr Tickets verkaufen zu können. Es erzählt aber auch von den in drei Klassen reisenden Passagieren, von ihren Hoffnungen und Träumen auf ein besseres Leben, von der Dekadenz der Oberklasse. Besonders berühren auch die Einzelschicksale: ein Heizer lässt durch einen Funker einen Heiratsantrag quer über den Ozean schicken, ein altes Ehepaar bleibt an Bord und lässt den jüngeren Vortritt auf die Rettungsboote.


Bei den über 40 Darsteller*innen gibt es keine Schwachstelle, sie überzeugen durchweg mit starkem Gesang. Das Orchester spielt sehr genau abgestimmt zum Stück und stets mit einer angemessenen Dynamik. Die Bühne wird mit übergroßen drehbaren und mehretagigen Elementen großzügig bespielt. Diese bilden den Schriftzug TITANIC, später dienen etwa obere Geschosse als Brücke, untere als Heizumgskeller. Ein großer Steg über den Innenraum der Bühne, der in manchen Szenen bis ganz oben hochgezogen wird, überragt alles.


Kein Wunder also, dass das Stück bei der Premiere euphorisch angenommen und mit lange anhaltendem stehenden Applaus honoriert wurde.                                                                       

 

Weitere Infos
Tickets: 06621 / 640200, ticket-service@bad-hersfelder-festspiele.de

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt, Markus Weber

Mi

19

Jul

2017

Die 39 Stufen

Nur vier Darsteller für über vierzig Rollen: Dies wurde nicht aus Not, sondern bewusst gewählt und schafft den eigentlichen Unterhaltungswert der turbulenten Kriminalkomödie „Die 39 Stufen“ im Rahmen der Bad Hersfelder Festspiele im Schloss Eichhof. Kurzweile ist hier garantiert.

Der Roman von John Buchan wurde 1935 von Alfred Hitchcock verfilmt. Dabei waren viele klassische Elemente seiner späteren Filme schon enthalten: Ein Normalo gerät plötzlich in ein Komplott um Agenten, Staatsgeheimnisse, schöne Frauen und Verfolgungsjagden. Auch ein MacGuffin fehlt nicht - ein Gegenstand oder ein Geheimnis (hier: eben die "39 Stufen"), das aber im Endeffekt gar nicht so zentral ist, sondern vor allem dazu dient, die Handlung voranzutreiben.

Im Verlaufe mehrere Bearbeitungen ist aus der zwar soliden, aber stark episodenhaften und etwas altmodischen Agententhriller-Handlung eine furiose Komödie entstanden, gespickt mit zahlreichen Gags, Hommagen an das Genre und Gesangsnummern, die im Schloss Eichhof von einem bestens aufgelegten Ensemble und mit aberwitzigen bis absurden Einfällen dargeboten wird.


Stefan Kaminsky spielt Richard Hannay, der in eine Spionage-Affäre gerät, solide in Sprache, Mimik und mit vollem körperlichem Einsatz. Sarah Elena Timpe ist in drei Rollen zu sehen: als geheimnisvolle Femme fatale, als unglückliche Ehefrau und als zufällige Begegnung, die sich in den Helden verliebt - alles etwas übertrieben gespielt, aber eben so, wie es das jeweilige Klischee verlangt.

Das Highlight der Inszenierung sind Markus Majowski und Martin Semmelrogge, die jeweils etwa 20 unterschiedliche Rollen spielen - teils in blitzschnellem Wechsel zwischen verschiedenen Rollen und untereinander, teils in aberwitzigen Figuren wie Männern unter Laternen (mit Laternen auf dem Kopf), einem Hahn oder einer blubbernden Stelle im Moor.


Die Kulissen sind eher minimalistisch, werden aber kreativ verwendet: eine Leiter wird auch mal zu einem Bett, einer Brücke oder einer Felsspalte, eine Haustür zum Esstisch. Das Publikum hat nicht nur reichlich zu lachen, sondern darf mit Geräuschdosen für die akustische Illusion einer Schafherde sorgen – und damit bei der einzigen Schwachstelle der Inszenierung, der nicht immer ganz sitzenden Geräuschkulisse, aushelfen.

Positiv zu vermerken ist, dass dieses Jahr wieder der ganze Eichhof mitsamt der oberen Stockwerke einbezogen wird – wozu spielt man schließlich in einer derartigen Kulisse?

 

Infos uns Aufführungstermine

Ticket-Service: 06621 / 640200 oder ticket-service@bad-hersfelder-festspiele.de

 

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt/ Markus Weber

 

Sa

24

Jun

2017

Martin Luther - Der Anschlag

"Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten. Alles ist im Umbruch“, schallt es von der Bühne und meint zugleich die Zeit vor 500 Jahren wie die Gegenwart.
Man gebe einem großen Regisseur einen großen Etat, einen großen Spielort, ein großartiges Ensemble und ein großes Thema über eine große Zeit... Dr. Dieter Wedel, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, hat zum Lutherjahr einen bemerkenswerten Beitrag abgeliefert. Er hat auch dann, wenn infolge eines Streits nur einen Tag vor der Premiere ein wichtiger Schauspieler abhanden kam, ja vielleicht gerade deshalb einen Superlativ in die Stiftsruine gebracht. Auf einer sich vielfältig verändernden Bühne mit zwei übergroßen LED-Leinwänden lässt er nicht einen Luther, sondern eine Dreifaltigkeit auftreten: Maximilian Pulst als Luther, der Überhebliche, Janina Stopper als Luther, der Verzweifelte und Christian Nickel (Foto oben links) als Luther der Reformator und Luther der Wutbürger.


Er hat aufwändige Einspieler produziert, die mit der Bühnenhandlung kommunizieren. Sie transportieren historische Orte und Ereignisse in die Stiftsruine.
Dr. Wedel hatte angekündigt, was er letztlich liefert: Einen höchst kritischen Blick auf den Menschen Luther. Natürlich erhebt er dabei nicht den Anspruch auf absolut historische Genauigkeit. Ein selbst noch so begnadeter Regisseur, mit einem mächtigen Etat, kann dies nicht verwirklichen, zumal er, unweigerlich zeitlich begrenzt, ein breites Publikum unterhalten soll. Doch hat Wedel quasi alle Aspekte zumindest angerissen, welche die Figur Luther in ihrem Kontext zur Geschichte der letzten 500 Jahre erklärt. Und, in der Tat, er stellt den gerade heute oft verklärten Luther als Egozentriker dar. Luther war demnach machtgierig, korrupt und propagierte ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen mit populistischen Methoden seine diffusen antijüdischen und frauenfeindlichen Ansichten. Gerade über die Einspieler auf den Leinwänden suggeriert der Intendant, welche negativen Wirkungen Luther bis in die Gegenwart entfaltet. Er zeigt dort und auf der Bühne, welche Mechanismen heute wie damals funktionieren: „Sie jubeln, auch wenn Du brennst“, spricht Traumbesetzung Robert Joseph Bartl (Foto oben rechts) als Kardinal Thomas Cajetan zum narzisstischen Luther. Und Claude-Oliver Rudolh, der den Dominikaner Johann Tetzel spielt, bringt sein ewig geltendes berühmtes Zitat zum Ablasshandel: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“


Wedel blendet dabei nicht die positiven Einflüsse insbesondere auf die zu Luthers Zeit übermächtige römische Kirche aus. Luther war der Reformator und ein wesentlicher Veränderer der Welt. Auch wenn er sich nicht nur eigener Thesen bediente und auch weil er trotz seiner menschlichen Schwächen bis heute zur überhöhten Galionsfigur stilisiert wird. Selbst Luthers Verdauungsprobleme bleiben nicht unerwähnt.


Das, was das Publikum der Bad Hersfelder Festspiele mit Luther geboten bekommt, ist sicherlich kein leichter Tobak. Der Intendant biedert sich nicht dem Mainstream an, macht keine platte Unterhaltung, sondern fordert seine Zuschauer*innen heraus. Er hat das Privileg, dabei aus dem Vollen zu schöpfen, Geld in die Hand zu nehmen, bekannte Namen in kleinen Rollen zu besetzen, niemandem nach der Pfeife tanzen zu müssen und sein ganz persönliches Bild von Luther darstellen zu können. Den Stoff hat Wedel tief recherchiert, intensiv aufbereitet und provokativ umgesetzt.Trotz großem Aufwand bleibt es wenig effekthascherisch. Die teils neuzeitlichen Kostüme und Bühnenbilder, symbolisieren die Zeitlosigkeit und Gegenwärtigkeit des Themas.

 

Dass ihm im Vorfeld ein optisch und vielleicht sogar von den Wesenszügen her passender Darsteller abhanden kam, schmälert nicht im Geringsten das Ergebnis. Es wirkt so, als hätte der Vorfall das Ensemble geradezu angespornt, noch größeres Theater abzuliefern. Die Darsteller sind dabei außerordentlich engagiert und lassen die Zuschauer*innen nicht spüren, dass hinter der Bühne ein Drama abgegangen ist. Stand die Premiere wirklich auf der Kippe? „Manchmal ist Angst zu haben, auch ein guter Schutz“, sagte Hans Diehl als Generalvikar im Stück. Wie treffend.  

 

Text: Timo Schadt

Fotos: Timo Schadt und Markus Weber

Do

01

Jun

2017

Das tapfere Schneiderlein: Erste Probenbilder von den Festspielen 2017

Das tapfere Schneiderlein soll angeblich ein Bad Hersfelder sein. Sicher ist: Ab 13. Juni wird es als erstes Stück bei den diesjährigen Bad Hersfelder Festspielen zu sehen sein, und das in einem neuen Theaterzelt. Am Mittwoch, 31. Mai, bekam die Presse die Gelegenheit für erste Bilder des Ensembles und einen Einblick in die Proben.

 

Seit zwei Wochen laufen die Proben, weitere zwei Wochen werden sie noch dauern. Die Fotos zeigen die Schauspieler*innen in Probenkostümen, diese können eventuell noch etwas verändert werden.

 

 

Angeblich handele es sich um ein Bad Hersfelder Märchen, so Franziska Reichenbacher, die nach "Die goldene Gans" im letzten Jahr erneut ein Grimm-Märchen inszeniert hat. Wissenschaftlich belegen ließe sich dies aber nicht. Zumindest kannten die Grimms Bad Hersfeld und dort gab es damals eine große Weber- und Tuchmacherei-Szene. Aber Märchen hätten immer auch eine allgemeingültige Ebene und seien daher übertagbar, erklärte Reichenbacher.

Das ursprünglich ziemlich „rustikale“, vielleicht auch etwas brutale Märchen hat sie in ihrer Version verändert. Das Grimmsche Schneiderlein war ein echter Angeber und Aufschneider. Das wurde nun umgedreht. In der Hersfelder Inszenierung reagieren die Leute auf das Schneiderlein (Sasha Bornemann, im Vorjahr als Dummling in „Die goldene Gans“ zu sehen) anders, weil sie eine andere Vorstellung von ihm haben als früher. „Sieben auf einen Streich“ ist auch ganz beeindruckend, wenn man denkt, es handle sich um besiegte Soldaten anstatt, wie es tatsächlich ist, Fliegen. Und das Schneiderlein selbst erlebt eine Verwandlung dadurch, dass es anders gesehen wird. Es steigt sogar zum Ratgeber des jungen Königs (Yorik Tortochaux) auf. Man darf gespannt sein.
Aus den Riesen bei Grimm sind ein starker Mann (Roland Schregelmann) und zwei „Riesen“ im Kabinett des Königs geworden, die Finanzministerin Ursula von Laschet (Elisabeth Degen) und der General Knieper (Andrés Mendez). Außerdem werden Sarah Elena Timpe als Prinzessin, Neele Pettig (konnte bei diesem Termin nicht dabei sein) als Ellie, die Freundin des Schneiderleins, und Marcel Bartsch in gleich drei Nebenrollen zu sehen sein.

Aufgeführt wird das Stück im Theaterzelt auf der Wiese vor der Stiftsruine. Dieses ist größer als im vergangenen Jahr und hat sich vor allem innen verändert: Wie ein Zirkuszelt wirkt es, mit einer Tribüne für die Zuschauer. Im Bühnennereich ist neben einer Schneiderwerkstatt ein Bereich als Wald vorgesehen. Holzstreben des Zeltes werden dabei in der Phantasie der kleinen und großen Zuschauer zu Bäumen. Am schönsten sei das Theater, das in der Vorstellung wirke, meinte Reichenbacher. Für das Stück wurde auch eigene Musik komponiert.

„Das tapfere Schneiderlein“ ist für Kinder ab 5 Jahren geeignet. Es wird vor und auch während der Schulferien aufgeführt, vom 13. Juni bis zum 8. Juli. Der Eintritt beträgt 10 Euro, Tickets gibt es unter  06621 / 640200. Weitere Infos auf den Seiten der Bad Hersfelder Festspiele

 

Mehr über das Stück wird auch im nächsten printzip-Magazin zu finden sein. Es erscheint am 29. Juni.

Markus Weber

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Probenbeginn bei den Festspielen

Am 3. Mai fand in der jetzigen „Festival Factory“ (ehemaligen Abfüllhalle) neben der Bad Hersfelder Stadthalle, die erste Pressekonferenz der diesjährigen Festspielsaison statt. Intendant Dr. Dieter Wedel verfolgte die Intention, sein neues Theaterstück „Martin Luther – Der Anschlag“ näher zu beleuchten und den ersten Probetag einzuleiten.

 

In Anwesenheit seines Stellvertreters Joern Hinkel und einiger engagierter Schauspieler, machte Dr. Dieter Wedel zunächst auf ein paar besondere Umstände in Bezug auf die 67. Bad Hersfelder Festspiele aufmerksam. So sei beispielsweise das Schauspiel bereits vor der ersten Pressekonferenz komplett ausverkauft gewesen. Eine Gegebenheit, die es seit Bestehen der Festspiele so nie gab.

 

Mit „Martin Luther – Der Anschlag“ beabsichtigt Wedel eine authentisch angedachte Inszenierung der Lebensgeschichte Luthers, welche am 23. Juni in der Stiftsruine uraufgeführt wird. Eine Besonderheit dieses Unterfangens ist Luthers Geschichte nicht einfach bloß von Anfang bis Ende nachzuerzählen, sondern ihn in verschiedenen Lebensphasen mit unterschiedlichen Charakterzügen darzustellen. Für diesen Zweck wurden ganze vier Luther-Darsteller engagiert, mitunter auch eine Frau: Janina Stopper, die für die Rolle des verzweifelten Luthers vorgesehen ist. Zudem beherbergt das Stück noch einige weitere bekannte Gesichter. Darunter auch Erol Sander als Papst Leo X., Elisabeth Lanz als Katharina von Bora, Claude Oliver Rudolph als Ablassprediger Tetzel und Paulus Manker, der den „Wutbürger“ Luther sowie dessen Vater spielt.

 

Für das Theaterstück wurden nach Aussage des Intendanten viele Werke Luthers und historische Aufzeichnungen seiner Person studiert. Da jedoch viele Dokumente nicht selten Lücken aufweisen, sah Wedel sich gezwungen, einige Szenen zu improvisieren. Er betont jedoch, dass Theater Geschichte kaum korrekt nacherzählen kann, sondern das Leben nachempfinden soll. Andererseits gab es Szenen, die zu komplex oder zeitaufwendig für eine normale Bühnenaufführung sind. Deshalb habe er sich dazu entschieden, vorher Filmaufnahmen jeweiliger Szenen zu drehen, um sie dann bei der Aufführung abzuspielen. An diesen wurde bereits in den Wochen zuvor gearbeitet. Durch die massive Anzahl der benötigten Schauspieler, sei der Aufwand des Unterfangens durchaus schon mit dem eines klassischen Spielfilms zu vergleichen. Ein mittelalterliches Spektakel wie „Die Wanderhure“ soll es am Ende jedoch nicht werden.

 

Erläuternd meint Wedel, dass Martin Luther ein Pionier in Sachen National- und Unabhängigkeitsempfinden der Deutschen gewesen sei. Durch seine Eigenschaften wie Pünktlichkeit, musikalische Ambitionen, aber eben auch seine Obrigkeitsgläubigkeit schuf er das typische Bild des Deutschen. Des Weiteren legt Wedel in seinen Ausführungen die polemische Ader Luthers und seinen Antijudaismus offen, welcher etwa Parallelen beziehungsweise Vorbildfunktion zu den Nationalsozialisten darstellt. Gerade deswegen betont Wedel, dass jedes vulgäre Wettern gegen Minderheiten während des Schauspiels rein historisch fundiert sei und nicht Wedels eigener Fantasie entspringt. Für ihn werden jedoch noch immer die widerlichsten Verbrechen unter dem Namen eines missverstandenen Gottes verbrochen. In Hinsicht dieser Thematik erzählt der Intendant von seiner modifizierten Inszenierung Arthur Millers Theaterstücks „Hexenjagd“. Das Setting dieses Schauspiels wurde bewusst in die Neuzeit versetzt, um eine Aktualisierung der Thematik durch jüngerer Geschehnisse zu verdeutlichen. Da habe sich im vergangenen Jahr einiges getan. Jäger würden schließlich heutzutage auch zu Gejagten werden.

 

Text: Domenic Nutrica, Fotos: Timo Schadt

 

 

--- Rückblick: Festspiele 2015 ---

 

 

Mi

03

Aug

2016

Laurel & Hardy

Das Bühnenstück "Laurel & Hardy" ist in erster Linie etwas für Fans des Komiker-Duos. Andere Zuschauer werden vor allem von der schauspielerischen Leistung beeindruckt sein.

 

Man muss den Humor von "Dick und Doof", wie sie in Deutschland auch genannt wurden, wohl mögen, um das Stück wirklich zu genießen. Denn neben den Stellen, die deren ganz eigenen Humor widerspiegeln, sind die ernsthafteren Teile der Aufführung eigentlich nicht besonders dramatisch. Es wirkt oft, dass der Autor des Stücks Tom McGrath oft zu zwanghaft gängigen Erzählklischees folgen wollte. So wird etwa ein Vater-Sohn-Konflikt konstruiert. Der besteht aber lediglich daraus, dass Stan Laurels Vater, der selbst beim Theater ist, lieber will, dass dieser Theaterunternehmer statt Schauspieler wird - und sich dann aber schließlich doch freut. Oder ein weiteres Beispiel: Die Klage von Stan Laurel und Oliver Hardy gegen Ende ihrer großen Erfolge, dass das Filmbusiness zu kommerziell geworden, wirkt konstruiert und ihr wird nichts entgegengesetzt. Alles in allem ist es eine recht unspektakuläre Geschichte über den Lebensweg zweier Schauspieler.

 

Allerdings werden die biografischen Elemente unterbrochen von immer wieder eingeschobenene Gesangseinlagen, Szenen aus Filmen, Slapstick-Einlagen – all das ist auch für Nicht-Fans der beiden recht unterhaltsam.

 

Am beeindruckendsten ist aber, dass (neben Siegfried Gerlich am Klaviers und als Geräuschemacher) lediglich zwei Darsteller auf der Bühne stehen, die in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Roland Renner (Stan Laurel) und Ulrich Bähnk (Oliver Hardy) beherrschen dabei nicht nur die komischen Nummern, sondern auch die ernsten Töne. Und ihre Darstellung von Laurel und Hardy ist schon sehr nah an den Originalen.

 

Dass sie auch improvisieren können, zeigten sie bei der Premiere: Kurz vor der Pause gab es einen schnell einsetzenden strömender Regen. Während die Zuschauer die bereit gelegten Regenponchos anzogen, stimmte das Bühnentrio „Singin‘ in the Rain“ an, tanzten dazu und boten auch hier eine perfekte Imitation von Laurel & Hardy.

 

 

 

Text und Fotos: Markus Weber

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Mo

18

Jul

2016

Sommernachtsträumereien

Die Spielwiese zwischen der Stiftsruine und dem Katharinenturm ist wie gemacht, um erneut die Sommernachtsträumereien nach Shakespeare aufzuführen. Wiese, Büsche, Bäume stellen eine natürliche Basis für die Kulisse dar, auch Mauern, Wege und Zuschauertribüne nutzen die Schauspieler*innen bei der Aufführung. Hinzu kommen Statist*innen, die Zweige und Gebüsche tragen und so zu einem lebendigen Wald werden. Die Illusion einer Sommernacht im Elfenreich entsteht so auch bei Aufführungen im Sonnenschein ohne große Probleme.

Fürst Theseus und Hippolyta stehen kurz vor der Hochzeit. Eine Laienschauspielertruppe um Niklas Zettel und Peter Block soll zu diesem Anlass ein Stück aufführen. Lysander liebt Hermia, doch diese soll Demetrius heiraten, in den Helena verliebt ist. Puck lässt sie alle in einen Traum verfallen, in dem Elfenkönig Oberon für Liebeswirren sorgt. So verliebt sich Elfenkönigin Titania in den in einen Esel verwandelten Zettel und durch eine Verwechslung Pucks verliebt sichg Lysander in Helena.

Für die Inszenierung durch Joern Hinkel wurden dem Sommernachtstraum von Shakespeare eigene Textpassagen hinzugefügt. Theseus/ Oberon und Hippolyta/ Titania werden, nicht zum ersten mal in der Aufführungsgeschichte, von den selben Darstellern gespielt. In der Pressemappe heißt es dazu: „In ihren Träumen jagen Hippolyta und Theseus durch einen Wald aus Wünschen, Ängsten und dunklen Begierden. Ihre Gefühle, die sie sich tags nicht einzugestehen trauen, brechen nachts umso ungestümer hervor – es sind Träume voll sexueller Phantasien, Eifersucht und Rachsucht, aber auch voller Poesie und Komik. Die Erlebnisse des Tages(...) spiegeln sich verzerrt und grotesk in ihren Träumen wieder.“

Das Konzept geht auf, wenn auch einige andere Neuerungen zu rein klassischen Aufführungen etwas bemüht erscheinen.

 

Als Puck brilliert die Schauspielerin Charlotte Puder, die in ihrer Rolle alles gibt, wild, überdreht, launisch und lustig. Außerdem ragen André Eisermann als Zettel und Christian Schmidt mit seinem facettenreichen Spiel als Oberon/ Theseus heraus. Für die zahlreichen Statisten-Rollen und für einige Mitglieder der (laienhaften) Schauspieltruppe wurden tatsächliche Laien-Schauspieler eingesetzt. Nach der Aufführung des Stücks 2015 hatte sich in Bad Hersfeld der Verein „Sommernachtsträumer“ gegründet, was zweifelsohne eine Bereicherung für das Hersfelder Kulturleben ist. Vielleicht ist an diesen Stellen das sehr laienhafte Spiel aber doch ein wenig zu viel der Authentizität.

 

Die Musik ist passend und  stimmungsvoll eingesetzt. Gelungen sind bei der Aufführung Ausstattung und Kostüme. Die Verwandlung der Bediensteten des Fürsten in Elfen uns Waldgesiter des Traumreichs erfolgt durch Kostümwechsel von schwarz-weißen in rote Kostüme. Zweige und große Büsche schmücken die Wiese aus. Alles in allem eine solide Aufführung in einer großartigen Kulisse.

 

Text und Fotos: Markus Weber

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Mo

11

Jul

2016

My Fair Lady

Das Musical My Fair Lady überzeugt bei den Bad Hersfelder Festspielen mit treffsicherer Kulisse, prächtigen Kostümen und prominenter Besetzung. Auch nach starken Regenstürmen und in der Nacht kommt bei der Premierenvorstellung die Stimmung eines grünen Sommertages auf.

 

Das bekannte Musical von Frederick Loewe (Musik) und Alan J. Lerner (Texte) basiert auf dem Schauspiel Pygmalion von George Bernard Shaw und ist zum ersten mal bei den Festspielen zu sehen. Der Linguist und Dialekt-Experte Professor Higgins (Cusch Jung) wettet mit dem ebenfalls sprachinteressierten Oberst Pickering (Gunther Emmerlich), dass er aus dem schlichten berlinernden (in der Originalfassung Cockney-Englisch sprechenden) Blumenmädchen Eliza Doolittle (Sandy Mölling) innerhalb von sechs Monaten eine echte Lady machen kann. Während sie bei den beiden wohnt und Sprache und Umgangsformen der oberen Klassen erlernt, kommt ihr Vater, der Müllsammler Alfred P. Doolittle (Ilja Richter), unerwartet zu Reichtum. Higgins glaubt, dass sich die Kluft zwischen den Klassen über die Sprache überwinden lasse. Eliza dagegen kommt zu der Einsicht, dass der Unterschied zwischen einem Blumenmädchen und einer Lady nicht ist, wie man sich verhält, sondern wie man behandelt wird.

 

Hinter dem launischen Musical mit vielen bekannten Liedern steckt auch die Frage nach Schichtzugehörigkeit, sozialem Aufstieg und der Verachtung der Reichen gegenüber unteren sozialen Klassen – eine Frage, die bei der zunehmenden Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen und einer Politik, die diese sozialen Gegensätze weiter befördert, so aktuell ist wie bei der Entstehung des Stücks vor über einhundert Jahren. Die Umsetzung des Stoffes jedoch ist sehr unterhaltsam und bei der Bad Hersfelder Inszenierung mit einem spielfreudigen Ensemble und einem klasse Orchester aufgeführt.

 

Cusch Jung führte Regie und spielt gleichzeitig die Rolle des Professor Higgins, in der er darstellerisch durchweg glaubhaft ist. Sein Gesang wirkt manchmal jedoch etwas schwach. Gesanglich kann neben Ex-No-Angels-Star Sandy Mölling, die auch schauspielerisch eine gute Figur macht, vor allem Marlon Wehmeiner (als der in Eliza verliebte Freddy Eynsford-Hill) überzeugen. Der jovial auftretende Gunther Emmerlich und der schlitzohrige Ilja Richter sowie einige in das Stück neu eingebaute Witze sorgen für den notwendigen Humor. Die Tanzeinlagen sind besonders bei der großen Hochzeits-Nummer nahezu akrobatisch.

 

Eine Hauzptrolle spiel bei der Inszenierung auch das Bühnenbild: Für die Aufführung des Musicals "My fair Lady" wurde die Bühne der Stiftsruine mit Rasen ausgelegt, die Szenen spielen oft im Park, auf der Straße oder auch auf dem Golfplatz. Szenen im Studierzimmer spielen in einem Zelt in der Mitte der Bühne. Auch ein Oldtimer kommt zum Einsatz. So wird die Freiluftkulisse der Stiftsruine sinnvoll eingesetzt. Die Kostüme spiegeln treffsicher die sozialen Unterschiede zwischen den Schichten wieder, sind aber allesamt kreativ gestaltet.

 

So kann My Fair Lady auch die überzeugen, die nicht die größten Musical-Fans sind und bildet eine vergnüglichen Gegenpart zur hervorragenden, aber sehr ernsten Hexenjagd-Inszenierung.

 

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt

 

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Mi

06

Jul

2016

Game of Gans

Franziska Reichenbacher ist nicht nur bekannt als "Lotto-Fee" in der ARD, sondern hat auch unter anderem Theaterwissenschaft studiert und stand letztes Jahr bei den Bad Hersfelder Festspielen auf der Bühne. Nun führt sie zum ersten Mal Regie bei dem Märchen "Die goldene Gans" von den Brüdern Grimm.

Seit ihre Mutter gestorben ist, kann die Prinzessin nicht mehr lachen. Ihr Vater, der König, verspricht dem, der sie zum Lachen bringt, ihre Hand und das halbe Königreich. Dummling, der mit seinen beiden Brüdern als Holzfäller arbeitet, ist zwar von schlichtem Gemüt, jedoch auch hilfsbereit. So hilft er einem geheimnisvollen alten Männleinim Wald und . Er findet daraufhin eine goldene Gans, die ihm Glück bringen soll. Doch die Gans zieht Menschen wie magisch an und jeder, der sie berührt, bleibt an ihr kleben. So bildet sich eine immer länger werdende Menschenkette. Nur Dummling sieht nicht nur das Gold, kümmert sich um die Gans und kommt schließlich zum Lachwettbewerb auf dem Schloss.

Bei der Inszenierung gibt es einige Modernisierungen wie Radio und Smartphones, auch Gesangseinlagen. Ergänzt wurde die Märchenhandlung aber vor allem um eine Parallelhandlung um politische Intrigen und Ränkespiele, in der der Kanzler die Macht im Königreich übernehmen will. Somit stehen motivisch Gier nach Gold und Gier nach Macht der Hilfsbereitschaft und dem Idealismus Dummlings gegenüber. Die Erweiterung des Plots trägt zwar in der Tat zur Unterhaltsamkeit des Stückes gerade für Erwachsene bei, doch ist nicht klar, ob Kinder diesen neu geschriebenen Passagen wirklich in allen Teilen folgen können.

"Märchen lassen immer auch Raum für weitere Interpretationen. Sie sind Inspiration und Grundlage, um die Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen; aus dem Blickwinkel einer bestimmten Figur, aus dem Blickwinkel von heute. Und die Figuren - im Märchen oft nur archetypisch dargestellt – können als komplexere Charaktere auf der Theaterbühne genauer betrachtet werden. So geht es mit der Uraufführung für die Bad Hersfelder Festspiele 2016 nicht darum, das Märchen Die goldene Gans eins zu eins auf die Bühne zu bringen, sondern darum, die tiefere Bedeutung des Märchens herauszuarbeiten, neue Aspekte in der Geschichte zu entdecken und diese im Grunde sehr komische Geschichte bei aller Ernsthaftigkeit auch spannend zu erzählen", erklärt Franziska Reichenbacher.

Als Darsteller stehen neben Milena Tscharntke, Tilo Keiner oder Christina Rohde, die in Film und Theater bereits Erfahrung haben, mit Benjamin Wilke, Yorick Tortochaux und Sasha René Bornemann drei junge Schauspielabsolventen aus Kassel auf der Bühne. Das Stück wird im Theaterzelt auf der Wiese vor der Stiftsruine gezeigt, wodurch Zuschauer*innen sehr nah an den Schauspielern sind, wo der Platz allerdings auch sehr begrenzt ist.

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt und Markus Weber

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Di

28

Jun

2016

Krabat

Der künstlerische Leiter der Festspiele Joern Hinkel hat den Jugendbuchklassiker von Otfried Preußler bearbeitet und inszeniert.

 

Die Handlung spielt Anfang des 18. Jahrhunderts: Der Waise Krabat (Anton Rubtsov) findet eine Anstellung in einer Mühle. Bald findet er heraus, dass die Gesellen dort nicht nur hart arbeiten müssen, sondern auch dunkle Magie erlernen. Ihr Meister (Robert Joseph Bartl) aber hat einen Pakt mit dem "Gevatter" geschlossen: Jedes Jahr  muss einer der Müller-Gesellen sterben, damit der Meister weiter leben kann, so auch Krabats Freud Tonda (Rasmus Borkowski). Als sich Krabat in ein Mädchen (Kristin Heil) aus dem Dorf verliebt, was den Gesellen nicht erlaubt ist, wendet er sich gegen den Meister.

 

 

Im Vorfeld hatte Joern Hinkel erklärt, dass ihn  Methoden des Meisters an die Gehirnwäsche religiöser oder politischer Fanatiker von heute erinnere“. Ihn beeindrucke „wie genau Otfried Preußler das allmähliche Abgleiten in die Abhängigkeit zu einem Anführer schildert, der dem jungen Krabat all das verspricht, was jungen Leuten ohne Orientierung heute so attraktiv scheint: Du bist besser als die anderen! Du bist auserwählt! Du wirst Macht über die anderen Menschen haben! Und wenn du bereit bist, den Kontakt zum Rest der Welt abzubrechen, wenn du mir ohne Kompromisse folgst, wirst du irgendwann einmal meine Nachfolge antreten.“

 

 

Wie Dieter Wedel bei seiner Hexenjagd verzichtet aber auch Hinkel bei der Inszenierung dann doch auf allzu plakative Anspielungen auf zeitgeschichtliche Parallelen, die vielleicht auch allzu oft in Stücke hineininterpretiert werden. Seine Inszenierung bleibt in Worten, im Spiel und in den Kostümen klassisch, was der Aufführung gut tut.

Die Schauspieler sind zwar nicht die großen Stars, bieten jedoch eine sehr solide Darbietung. Der Darsteller des Meisters agiert allerdings etwas zu wenig unheimlich. Unheimlicher wirkt schon eher die Erzählerin (Viola von der Burg), die eine relativ große Rolle in der Aufführung einnimmt.

Die Musik ist passend und die Lichteffekte sind gut eingesetzt. Bei der Premiere gab es allerdings ein paar Tonprobleme. Das Bühnenbild mit einer Mühle und einer großen Drehplattform sowie einige  Effekte können überzeugen. Rundum gelungen choreografiert sind auch die Massenszenen, an denen insgesamt über 100 jungen Statisten aus der Region mitwirken.

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt/ Markus Weber

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Mo

27

Jun

2016

Hexenjagd

Verfolgung und Wahn, Lügen und Gerüchte, Rückgratlosigkeit und Opportunismus - darum geht es bei Arthur Millers „Hexenjagd“. Eine Neuinszenierung durch Intendant Dieter Wedel bildete den Auftakt der diesjährigen Bad Hersfelder Festspiele.

Salem, Massachusetts: Abigail Williams (Corinna Pohlmann intensiv, aber knapp an der Grenze zum Overacting) und ihre Freundinnen werden vom örtlichen Pastor Parris (André Eisermann) dabei erwischt, wie sie im Wald tanzen. Um einer Strafe zu entgehen, beschuldigen die Mädchen andere Einwohner*innen, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Innerhalb kurzer Zeit bildet sich aus Aberglauben, Vorurteilen und Gerüchten eine wahre Verfolgungshysterie. Frauen und Männer werden angeschuldigt, um abzulenken, aus Eifersucht oder aus Habgier. Reverend Hale (Richy Müller) erkennt allmählich den Wahnsinn: „In der Tiefe Ihrer finsteren Seelen wissen Sie doch alle, dass das hier Betrug ist.“ Doch gäben die Richter (André Hennicke und Hans Diehl) dies zu, würde ein Aufstand drohen. Schließlich werden auch John Proctor (Christian Nickel), der eine Affäre mit Abigail hatte, und seine Frau (Elizabeth Lanz) festgenommen. Kann er die Sache aufklären, wird er zu seinen Prinzipien stehen, oder wie viele andere Beschuldigte (unter anderem Janina Stopper) einknicken?


Dieter Wedel ist es gelungen, für das Stück bis in die Nebenrollen bekannte Film- und Theaterschauspieler zu versammeln, etwa Horst Janson als zänkischer Alter. Kaum wiederzuerkennen ist Jasmin Tabatabai als Bettlerin, die in Video-Einspielern erscheint. Dies ist die große Innovation dieser Inszenierung: Auf einem großen Bildschirm kommentieren beteiligte Personen das Geschehen, auch ganze Szenen sind dort zu sehen. Teilweise interagieren die Personen auf der Leinwand auch mit denen auf der Bühne, was perfektes Timing erfordert. Bei der Premiere ist dies gelungen.


Die Optik der Handlung wurde vom Jahr 1692 in die 1930er verlegt. Dies soll wohl die Zeitlosigkeit der Handlung schreiben, die Arthur Miller bereits als Analogie zu McCarthy-Ära konzipierte. Das geht jedoch nicht ganz auf, wenn etwa ein Radio zu hören und ein Motorrad zu sehen sind, aber gleichzeitig von Hexen gesprochen wird. Auch ein paar Westernklänge stören die ansonsten sehr passende Musik. „Ich wollte das Stück nicht wie Arthur Miller im Mittelalter ansiedeln, das ist zu weit weg und zu romantisierend“, erklärt Wedel. Auch wenn das Mittelalter da schon 200 Jahre her war, versteht man doch den Ansatz von Wedel: Die Mechanismen der Massenhysterie sind zeitlos. Unheimliche, finstere Mächte am Werk zu sehen, die man für Übel verantwortlich machen kann, ist auch heute noch ein verbreitetes Phänomen. Die Parallelen zur Gegenwart sind jedoch deutlich weniger explizit, als dies im Vorfeld angekündigt war. Sie erschließen sich eher durch Reflexion der Ereignisse. So überzeugt die Neuauflage als handwerklich hervorragend gemachte, aber eher zeitlose als moderne Inszenierung.

Hexenjagd ist bis 31. Juli bei den Bad Hersfelder Festspielen zu sehen.
Tickets ab 29 Euro.            

 

Text: Markus Weber

Fotos: Timo Schadt/ Markus Weber                                                                

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--- Rückblick: Festspiele 2015 ---

 

 

Festspiele: KOMÖDIE DER IRRUNGEN

Können Festspiele zu laut sein, zu bunt sein, zu viele Stars haben? Muss die Weite der Ruine unbedingt in die Handlungen auf der Bühne einbezogen werden? Ist ansonsten die Ehrwürdigkeit der Stiftsruine dadurch zu beschädigen? Wer hat von einem Intendanten, Dr. Dieter Wedel, Theaterhochkultur erwartet? Ist es nicht schön, dass sich nur über den Einsatz moderner Tontechnik beschwert werden kann und nicht darüber, dass ein nicht ganz so stimmgewaltiger Schauspieler in den hinteren Rängen nicht zu verstehen ist, wie das in den Vorjahren durchaus vorkam?
Was sicherlich zählt ist, dass die Bad Hersfelder Festspiele beim Publikum ankommen. Unterhaltung war gefragt und wird 2015 abgeliefert. Nicht die Theaterkritiker, sondern die Menschen, die viel Geld für eine Eintrittskarte hinblättern, müssen zufrieden sein. Dass wie in der von Wedel inszenierten Komödie der Irrungen (siehe Fotos) jede Menge Gesichter – bis zur Nebenrolle – auftauchen, die zumindest dem älteren Publikum aus dem Fernsehen bekannt sind, ist sicherlich nicht schädlich. Dass jede Menge B-, C- und sogar einige A-Promis auf dem erstmals ausgebreiteten roten Teppich vor der Stiftsruine schreiten, mag albern erscheinen. Doch gibt es dem osthessischen Provinz-Städtchen im Fokus der nationalen Medien ein außergewöhnliches Gewicht und lässt die Einheimischen nicht schlecht staunen. Ob die wirtschaftliche Bilanz am Ende stimmt, steht sicherlich auf einem anderen Blatt. Wer ohne Ende prominente Darsteller sehen möchte, kann nicht davon ausgehen, dass Dr. Wedel sie den Bad Hersfeldern umsonst besorgt. Eine Antwort auf das Schmierentheater, um den geschassten Intendanten Holk Freytag im vergangen Jahr hätte jedenfalls kaum treffsicherer ausfallen können. Für den vermeintlich beschädigten Ruf der Festspiele und sicherlich nicht zuletzt für den des demnächst wieder zur Wahl stehenden Bürgermeisters muss die aktuelle Festspiel-Saison als Glückssträhne gewertet werden.          

                                       Fotos: Julia Büchner & Timo Schadt / Text: Timo Schadt

Festspiele: CABARET

Cabaret, das diesjährige Musical der Hersfelder Festspiele entführt ins schillernde Berlin der 30er Jahre. Es erzählt das Schicksal von ganz verschiedenen Menschen, die immer wieder miteinander kollidieren. Im Zentrum der Handlung steht der Kit-Kat-Club, ein Ort der ständigen Katharsis. Der Aufstieg der Nazis wird thematisiert und welche Auswirkungen dies auf das Leben der einzelnen Charaktere hat. Das Ganze läuft auf einer raffiniert gebauten mehrstöckigen Drehbühne, welche perfekt ausgenutzt wird. Herrliche Kostüme, kreative Maske, abwechslungsreiche Aufstellungen und Choreografien. Dem Ganzen setzt Helen Schneider als Conférencier die Krone auf (siehe unten zusammen mit Rasmus Borkowski). Doch auch das übrige Ensemble kann sich hören und sehen lassen. Insbesondere Bettina Mönch, Helmut Baumann und Judy Winter (siehe oben) glänzen in ihren Rollen. Und Christoph Wohlleben hat ein perfektes Orchester arrangiert. Die musikalisch wie schauspiel-erisch hervorragende Darbietung kam beim Premierenpublikum am 19. Juni bestens an. Lange anhaltender stehender Applaus war dessen Antwort auf einen ausgesprochen unterhaltsamen Abend.                       

                                                           Text: Jamil Schadt / Fotos: Timo Schadt

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